Der Weihnachtshund von Daniel Glattauer

Bei meinem letzten Besuch in der Stadtbibliothek habe ich dann doch mal Halt am Weihnachtsregal gemacht und diese lustige Geschichte mitgenommen. Daniel Glattauer erzählt in einer unvergleichlichen und trockenen Art von zwei Einzelgängern, die in der Vorweihnachtszeit zufällig miteinander in Kontakt treten und es entspinnt sich eine wundervolle Geschichte, die man nicht mehr aus der Hand legen mag.

Der beziehungsunfähige Kreuzworträtsel-Redakteur Max sucht eine Betreuung für seinen Hund Kurt, da er dem Weihnachtsfest entfliehen und die Feiertage auf den Malediven verbringen will. Es meldet sich die (zum Leidwesen ihrer Eltern immer noch unverheiratete) Endzwanzigerin Katrin, die eigentlich mit Hunden gar nichts am Hut hat und diesen nur als Ausrede benutzen möchte, damit sie an Heiligabend nicht zu ihren Eltern muss.

Das gegenseitige Desinteresse aneinander könnte nicht größer sein. Nach ersten knappen Nachrichten (Emails spielen eine wichtige Rolle!) treffen sich die Beiden mehrmals, Hund Kurt nächtigt erstmals bei Katrin und es könnte sich eine vorweihnachtliche Romanze zwischen den beiden verschrobenen Menschen entwickeln. Allerdings leidet Max an einem (sehr lustigen!) Problem, das wirklich jede Beziehung verhindert…

Allzu viel möchte ich hier nicht verraten. Das rund 200 Seiten starke Buch bietet wirklich jede Menge Lesegenuss und der Humor kommt dabei nicht zu kurz! Lange kein so lustiges Buch mehr gelesen 🙂

Katja Keweritsch: Alice und das Blau des Wassers

Dieser im März diesen Jahres erschienene Roman kommt daher wie ein klassischer Frauenroman. Gut situierte Frau in den Wechseljahren erfährt, dass ihr Ehemann, mit dem sie seit mehr als 20 Jahren verheiratet ist, ein Kind mit ihrer deutlich jüngeren Kollegin bekommt. Eheaus inklusive beruflicher Neuorientierung, da sich die Frau auf den Haushalt und die Kinder konzentriert hatte und lediglich in der Firma des Ehemannes mitarbeitete. Haben wir alles schon mal gehört. Denkt man! Aber dann bringt Katja Keweritsch neue Elemente ins Spiel: Alices erwachsene Tochter überredet sie zu einem Tapetenwechsel in Form eines Haustausches. Und so tauscht sie ihr Einfamilienhaus in einem Hamburger Vorort für 6 Monate gegen ein kleines Steinhäuschen auf der Insel Guernsey im Ärmelkanal.

Dort macht Alice viele neue Erfahrungen: sie erkundet die Insel mit dem Fahrrad, beginnt täglich im offenen Meer zu schwimmen, schließt neue Bekanntschaften (ja, es sind auch Männer dabei! Aber die wirklich wichtigen sind Frauen) und fängt an, im Garten des historischen Anwesens Sousville Manor zu arbeiten, wo sie ihre Liebe zu den Pflanzen entdeckt. Die Beschreibungen der Landschaft und der Sehenswürdigkeiten von Guernsey machen richtig Lust, selbst auf die Insel zu reisen.

Katja Keweritsch erzählt nicht die Geschichte einer betrogenen und rachelüsternen Ehefrau, sondern die einer wunderbaren Reise zu sich selbst. In dieser Form habe ich diesen Plot noch nicht gelesen. Nach dem Überwinden des Schockes schöpft Alice neue Kraft aus ihren Begegnungen in der Natur und aus der Freundschaft mit Martha, die sie auf Guernsey kennen lernt. Alice wächst an der Situation und schafft es schließlich, sich im Guten von ihrem Ehemann zu trennen und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Alice und das Blau des Wassers ist ein Buch, das einen nicht so schnell loslässt. Jetzt auf meiner Leseliste: weitere Bücher von Katja Keweritsch (ihr aktuelles Buch „Das Flüstern der Marsch“ ist kürzlich erschienen) und ein Reiseführer über Guernsey (Der nächste Familienurlaub ist in Planung…)!

Ralf Westhoff: Niemals nichts

Juhu, endlich wieder Zeit zum Lesen! Ich freue mich sehr, schon den nächsten Buchtipp zu veröffentlichen. Ich fand den im April diesen Jahres erschienenen Roman des Münchner Drehbuchautors bei den Neuerscheinungen.

Das 220 Seiten starke Buch spielt Anfang des 19. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte der Jungbauern Liza und Maximilian, die um ihre bäuerliche Existenz kämpfen müssen. Der alte Bauer hat einfach über Nacht hingeschmissen, den Familienhof beliehen und sich auf den Weg nach Amerika gemacht. Nun müssen die Jungen schauen, wie sie den Karren aus dem Dreck ziehen. Lizas Wissbegierde und ihr Geschäftssinn sind dabei von großem Vorteil und natürlich ihre große Zuneigung zu Maximilian, der unter epileptischen Anfällen und infolgedessen auch an einem Sprachfehler leidet.

Es ist spannend zu lesen, wie alte Strukturen in Frage gestellt werden und wie sich eine junge Frau in der damaligen Zeit Respekt verschafft. Und man lernt: wer viel fragt, erfährt auch viel. Liza denkt sich: Wieso das Korn den Kornhändlern zu einem Spottpreis verkaufen wenn man auch selbst gutes Brot backen und verkaufen kann? Nicht jeder kann mit den neuen Ideen etwas anfangen und so wird die Familie bald von der Dorfgemeinschaft isoliert. Weitere Schicksalsschläge kommen hinzu und so spitzt sich die dramatische Situation der Jungbauern weiter zu…

Westhoff lässt abwechselnd Liza und den flüchtenden Altbauern Andres zu Wort kommen, den auf der Reise doch noch sein Gewissen einholt. Das Buch ist sehr fesselnd geschrieben. Das Ende wird natürlich nicht verraten, nur so viel: mein Geschmack sind diese Arten von Ende nicht. Aber dem Lesegenuss hat es keinen Abbruch getan, insofern kann ich die Lektüre von „Niemals nichts“ getrost empfehlen!

Der Salzpfad von Raynor Winn

Auf dieses Buch bin ich gestoßen, als ich den Flyer eines Programmkinos durchblätterte. Da hieß es der gleichnamige Film wäre die Verfilmung eines Bestsellers.

Sogleich machte ich mich auf die Suche nach dem Buch und entdeckte es in der Stadtbibliothek bei der Reiseliteratur. Der Roman aus dem Jahr 2018 erzählt die beeindruckende Geschichte eines Ehepaars, die beide in den 50ern sind und aufgrund einer unüberlegten Geldinvestition ihr ganzes Hab und Gut verlieren. Mangels Alternativen und weil sie Freunden und Verwandten nicht zur Last fallen wollen, begeben sich Ray und Moth auf Wanderschaft. Sie wandern den ganzen South West Coast Path von Minehead in Somerset bis Poole in Dorset.

Ihre Ausrüstung beschränkt sich aufs Wesentliche und sie haben wöchentlich nur einen kleinen Geldbetrag zur Verfügung. Leider sind Armut und Obdachlosigkeit nicht ihre einzigen Sorgen: Kurz vor Antritt der Reise erhält Ehemann Moth auch noch die Diagnose einer unheilbaren Krankheit.

Das autobiographische Buch erzählt ihre Reise in allen Details. Von den anfänglichen Schwierigkeiten bis hin zu netten und weniger netten Begegnungen unterwegs. Es schmerzte mich zu lesen, wie häufig Ray und Moth verjagt wurden und wie schnell sich die Menschen von ihnen abwandten, wenn sie den wahren Grund ihrer Reise verrieten. Die Erlebnisse in der Natur entschädigten Vieles.

Am Ende der Reise kann das Ehepaar trotz allem wieder mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Eine fesselnde Geschichte über eine große Liebe, über Verlust, Neuorientierung und über den South West Coast Path. Absolute Leseempfehlung, nicht nur für Wanderinteressierte!

Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Auf die New Yorker Autorin Taffy Brodesser-Akner wurde ich kürzlich aufmerksam, da sie den Roman „Die Fletchers von Long Island“ veröffentlicht hatte und die ZEIT ein ausführliches Interview mit ihr brachte.

Mich faszinierte die Geschichte ihrer Schreibkarriere. Sie hatte ihren ersten Roman an den unmöglichsten Orten geschrieben: im Auto, während sie darauf wartete, dass ihre Kinder ihre Aktivitäten beendeten, auf der Toilette – weil sie einen plötzlichen Einfall hatte – oder im Flugzeug während einer Dienstreise. Mit unkonventionellen Porträts von Stars wie Gwyneth Paltrow oder Britney Spears machte Brodesser-Akner auf sich aufmerksam, aber der Durchbruch gelang ihr mit „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“, einem über 500 Seiten starken Wälzer.

Zunächst sprach mich die Geschichte gar nicht so an: es geht um die Trennung eines Ehepaares in der Upper class von Manhattan. Toby, Leberspezialist an einem New Yorker Krankenhaus und Rachel, Inhaberin einer Künstleragentur und ein echter Workaholic. Zusammen haben sie zwei Kinder, die 8 und 12 Jahre alt sind.

Was mich anfangs richtig störte, war der Tonfall, mit dem weitere Figuren im Buch beschrieben und, meiner Meinung nach, abgewertet wurden. Welche Frau z.B. welches Make Up trägt und welche Rückschlüsse das zuließ. Es irritierte mich auch, da ich dachte, dass die Geschichte aus der Sicht von Toby erzählt wird. Aber ich begann darüber hinwegzulesen und die Geschichte nahm an Fahrt auf:

Toby muss einen Tag früher als abgesprochen, die Betreuung der Kinder übernehmen. Soweit so gut. Da er ohnehin mehr Zeit mit den Kindern verbringt und sich um sämtliche Belange der Kinder kümmert, kein großes Problem. Er muss lediglich seinen Alltag etwas umstrukturieren und in Sachen Online-Dating (auch ein großes Thema im Buch) etwas kürzer treten. Allerdings holt Rachel die Kinder nicht, wie vereinbart, ab. Mehr noch: sie meldet sich überhaupt nicht und ist weder für den (Ex-)Mann noch für die Kinder erreichbar. Wochenlang. Als Toby beginnt, sich damit abzufinden, wechselt die Erzählperspektive. Interessanterweise wird der Roman nicht von Toby erzählt, sondern von seiner alten Freundin Elizabeth, die Rachel zufällig begegnet und nun deren Sicht der Dinge darstellt.

Ähnlich wie im ersten Teil erfährt man in Rückblenden wie Rachel die Anfänge ihrer Beziehung mit Toby erlebt hat und was ihre Träume und Beweggründe im Leben waren. Auch das Geheimnis um die Wochen ohne Kinder und die Nicht-Erreichbarkeit wird gelüftet (In diesem Beitrag allerdings nicht, da ich den Lesespaß nicht verderben möchte!)

Brodesser-Akner baut noch einige erzählerische Kniffe ein, die den Leser stutzig machen und den Lesegenuss komplett. Kurz vor Ende des Buches stellt Elizabeth einige bemerkenswerte Überlegungen rund um das Thema Ehe und ums Älterwerden an. Sie steckt selbst in einer handfesten Midlife-Crisis und fragt sich, wo ihr Platz im Leben ist.

Ein wunderbares Buch für alle in den 40ern, die sich fragen, was das Leben noch so zu bieten hat! Und wer nach dem Roman noch nicht genug hat, kann im Anschluss noch die Serie gucken (läuft auf Disney). Brodesser-Akner selbst hat das Drehbuch dazu geschrieben. Ich bin schon gespannt!

Jürgen Teipel: Aber ich kann fliegen

Ein Buch, das mich diesen Sommer sehr berührt hat. Schonungslos und in schlichter Sprache erzählt Teipel von der Aufarbeitung seiner Kindheit und von seiner Selbstfindung.

Das Buch beginnt mit der Zeit als er, bereits im Erwachsenenalter, am Rande der Gesellschaft lebt und illegal über einem Kino haust. Mosaikartig erhält der Leser Einblicke in Teipels verschiedene Lebensstationen: die frühe Kindheit in Kulmbach, der für ihn nur sehr schwer zu verwindende Umzug der Familie nach Regensburg, das ewige Schikaniertwerden in der Schule, der Beginn einer Beamtenkarriere (die sich dann doch als nicht passend herausstellt), sein wachsendes Interesse an der Punkszene und schließlich seine Anfänge als Schriftsteller.

In kursiv gedruckten Einschüben meldet sich das innere Kind zu Wort und der Leser erfährt so einiges über Teipels intensives Gefühlsleben, auch Träume werden skizziert.

Die Reise zu sich selbst wird begleitet von einem Herrn vom DuMont-Verlag, der von Anfang an an Teipel glaubt und der mit ihm eine lebenslange Brieffreundschaft unterhält. Weitere wichtige Bausteine sind Gesprächstherapie, Meditation und nicht zuletzt Körpertherapie. Mithilfe dieser Werkzeuge gelingt es Teipel, alte Denkmuster abzustreifen und körperliche Angstzustände loszuwerden. Er kann echte Nähe zulassen und Beziehungen zu anderen Menschen eingehen.

Selbst ein milder Blick auf die Eltern, die mit ihrem sensiblen Sohn überfordert waren, vor allem auf den harten Vater, wird möglich. Das Verhältnis der beiden verbessert sich ungemein und vor dessen Tod kommt es sogar zur Aussöhnung.

Ein mutiges und inspirierendes Buch!

Caroline von St. Ange: Alles ist schwer, bevor es leicht ist – Wie Lernen gelingt

Echt jetzt – ein Buch mit Lerntipps mitten in den Sommerferien?! Keine spannendere Ferienlektüre? Mir ist das Buch von Frau von St. Ange genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hände gefallen. Denn wenn im September der Alltag erst wieder eingekehrt ist, fällt es schwer, neue Ideen auszuprobieren! Der unkonventionelle Ansatz und die ungewöhnlichen Ideen im Umgang mit den ach so ungeliebten Hausaufgaben gefallen mir sehr!

Die erfahrene Lerncoachin und zweifache Mutter gibt zahlreiche Tipps für die Bewältigung der täglichen Hausaufgabenroutine mit herausfordernden Kindern (sie bezeichnet sie augenzwinkernd als „Endgegner“) und stellt ausführlich dar, warum sich für die Eltern die Mühe lohnt.

Alles beginnt mit der Erstellung eines Lernplakats (Was liegt heute an? Welche Aufgaben sind zu erledigen?), das kann für Kinder im Grundschulalter auch schon mal plastisch dargestellt sein, z.B. auf einem Spielteppich für Matchbox-Autos – in ihrem Buch finden sich viele kreative Beispiele ihrer Instagram-Fangemeinde. Hilfreich ist auch ein ritualisierter Startsong, der die Hausaufgabenzeit einläutet. Stupide Aufgaben kann man für die Kinder interessanter machen z.B. indem sie den Ort wählen dürfen, an dem sie diese erledigen. 1×1 Aufgaben dürfen z.B. mit einem wasserlöslichen Stift an die Fensterscheibe oder an den Badewannenrand geschrieben werden.

Von St. Ange findet, eine Stunde pro Tag für Hausaufgaben ist genug und ermutigt die Eltern dazu, nach einer Stunde einfach aufzuhören und dem Lehrer/ der Lehrerin eine entsprechende Rückmeldung ins Hausaufgabenheft hineinzuschreiben. Insgesamt spricht sie sich für eine bessere Kommunikation zwischen Eltern und Lehrkraft aus und ermuntert die Eltern regelrecht dazu, die Lehrer auch mal zu loben. Da ich selbst Lehrerin bin, freut mich das natürlich besonders 🙂

Besonders gefallen haben mir auch die Tipps gegen „Aufschieberitis“: Lernen mit dem Küchenwecker, z.B. erst mal nur 5 Minuten, diese aber dafür konzentriert, sich kleine Etappenziele setzen und die Arbeitszeit erst mal zu verknappen.

Die Lerncoachin gibt auch viele gute Tipps für den Umgang mit Fehlern und mit Prüfungsangst.

Dabei betont sie immer wieder, wie förderlich das richtige Mindset ist: Wenn etwas nicht gelingt, dann nicht, weil man es nicht kann, sondern weil man es NOCH nicht kann (siehe Titel). Im Idealfall sollen die Kinder erfahren, dass mit der nötigen Übung und Anstrengung alles möglich ist.

Obwohl von St. Ange selbst sowohl Noten als auch Hausaufgaben durchaus kritisch sieht, gibt sie den Eltern das nötige Rüstzeug an die Hand, um ihre Kinder gut durch die Schulzeit zu bringen. Absolute Leseempfehlung von mir.

Caroline Wahl: 22 Bahnen

Heute möchte ich eine neue junge Erzählerstimme im deutschsprachigen Roman vorstellen, die mich sehr beeindruckt hat.

In ihrem Erstlingswerk erzählt Caroline Wahl (Jahrgang 1995) die Geschichte einer besonderen Geschwisterbeziehung. Tilda und Ida leben in einer langweiligen Kleinstadt und müssen wegen ihrer alkoholkranken Mutter sehr früh erwachsen werden. Tilda, die ältere der beiden, studiert Mathematik, daneben versorgt sie den Haushalt und kümmert sich um ihre kleine Schwester. Mit ihrem Job an der Supermarktkasse trägt sie erheblich zum Familieneinkommen bei. Kraft schöpft sie aus ihrem täglichen Schwimmbadbesuch. Dort schwimmt sie jedes Mal 22 Bahnen.

Es ist eine Zeit des Umbruchs: Tilda steht am Ende ihres Studiums und muss eine wichtige Entscheidung treffen, mit der Mutter ist es ein ständiges Auf und Ab und plötzlich taucht auch noch der geheimnisvolle Viktor im Schwimmbad auf, den Tilda von früher kennt und den noch Gespenster aus seiner Vergangenheit quälen. Ganz langsam nähern sich die beiden Versehrten an.

Die Themen des Romans sind alles andere als leicht – es geht um Alkoholismus, um Verlust, ums Loslassen und ums Erwachsenwerden – dennoch gelingt der Autorin eine besondere Leichtigkeit in der Sprache und sie schafft neue Perspektiven. So errät Tilda beispielsweise anhand der Produkte auf dem Kassenband, welche „Sorte“ Mensch gerade bei ihr einkauft. Alles in allem ein sehr positiver und mutiger Roman, der zeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt und wie man an schwierigen Lebenssituationen wächst.

Absolute Leseempfehlung von mir!

Nora Imlau: Meine Grenze ist dein Halt – Kindern liebevoll Stopp sagen

Von Nora Imlau, einer Vertreterin der bedürfnisorientieren Erziehung, hatte ich schon viel gehört, aber noch nichts gelesen, deshalb griff ich sofort zu, als ich dieses Buch bei den Neuerscheinungen in der Bücherei entdeckte.

Imlau, die einen journalistischen Hintergrund hat und eine Erziehungskolumne in der Zeitschrift Eltern schreibt, greift vor allem auf ihren Erfahrungsschatz als mittlerweile vierfache Mutter zurück. In ihrem Buch zitiert sie aber auch bekannte Familienexperten wie den mittlerweile verstorbenen Jesper Juul oder den Kinderarzt Dr. Renz-Polster. Sie schildert typische Alltagssituationen und gibt viele Tipps und praktische Hilfen. So kann man zum Beispiel den Nachwuchs, der lieber noch auf dem Spielplatz bleiben möchte mit „kontrolliertem Nachgeben“ dazu bringen, doch mit nach Hause zu gehen („Noch drei Mal rutschen, dann gehen wir aber.“). Diese Methode praktizieren viele Eltern bereits, bei meiner jüngeren Tochter war und ist sie mir eine große Hilfe.

Ein größeres Geschwisterkind, das nicht gerne teilt, kann man überzeugen, es doch zu tun, indem man Verständnis für seine schwierige Situation aufbringt. Ob es tatsächlich klappt, hängt natürlich immer vom Einzelfall ab. Aber bestimmt ist es einen Versuch wert.

Ich gehöre sicher nicht zu den Eltern, die kein Nein über die Lippen bringen, aber Imlau hat mich davon überzeugt, dass es sich lohnt, auch schon mit kleinen Kindern ein Gespräch zu beginnen und den Sinn bestimmter Regeln zu erklären. Klar gibt es viele Situationen, in denen man als Eltern mal eine Ansage machen muss, das ist nun mal unser Job. Und bei sehr kleinen Kindern muss man manchmal Regeln mit dem Einsatz von körperlicher Gewalt durchsetzen, z.B. wenn das Kind auf die Straße laufen will oder wenn es sich partout nicht im Kindersitz anschnallen lassen will. Imlau bezeichnet das dann als „zugewandtes Durchsetzen“, frei nach dem Motto „Ich weiß, dass du das jetzt nicht magst, aber ich bin deine Mama und ich muss das jetzt machen, um dich zu schützen.“

Spannend fand ich es zu erfahren, dass es in der bedürfnisorientierten Erziehung nicht nur um die Bedürfnisse der Kinder geht. Auch Eltern haben Bedürfnisse und sollten dringend darauf achten, dass diese gestillt werden, damit sie den Familienalltag gut bewältigen können. Wenn wir leicht aus der Haut fahren und nicht so gut auf die Kinder eingehen können, dann liegt das häufig daran, dass wir überarbeitet sind, zu wenig / zu schlecht geschlafen haben, etc.

Imlau rät an dieser Stelle dazu, noch mal die Aufgabenverteilung der Eltern genau anzuschauen (Stichwort: Mental Load) und gibt Beispiele aus ihrem Bekanntenkreis. In einer Familie kümmert sich der Vater um die Organisation sämtlicher Kindergeburtstage und um Kinderarzttermine. Das finde ich bemerkenswert! In einer anderen Familie haben sich die Eltern die Kinder sozusagen aufgeteilt und fungieren jeweils als einziger Ansprechpartner. Der Vater übernimmt die Organisation des Schulkinds und die Mutter nimmt alle Termine des Kindergartenkinds wahr. Diese Variante stelle ich mir kommunikationstechnisch äußerst unpraktisch vor, außerdem möchte ich doch als Mutter über jedes meiner Kinder Bescheid wissen.

Fazit: Sehr viele interessante Denkanstöße. Eine hilfreiche Lektüre für alle Eltern und ein Buch, das ich gern schon früher gelesen hätte 😉

Paul Maar: Wie alles kam

Der Erfinder des Sams hat im Alter von 83 Jahren seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Meine Kinder lieben die Geschichten vom frechen Sams, das Hörspiel „Am Samstag kam das Sams zurück“ kennt die gesamte Familie nahezu auswendig – da es uns auf vielen Autofahrten bestens unterhalten hat. Wenn sich die Kinder nicht einigen können – dieses Hörspiel geht immer!

Die Autobiografie von Paul Maar ist ein beeindruckendes Zeitzeugnis. Schnörkellos beschreibt er die verschiedenen Stationen seines Lebens: den frühen Tod der Mutter, eine Kindheit in Zeiten des Krieges, das schwierige Verhältnis zum Vater, die schicksalhafte Begegnung mit seiner Frau Nele, seine Autorwerdung und die Jahre des Schaffens und er lässt seine Leser sogar an seinem Alltag mit seiner mittlerweile an Alzheimer erkrankten Frau teilhaben.

Schnell wird klar, dass er es nicht leicht hatte im Leben, sein reiches Innenleben hat ihm stets bei der Bewältigung des Alltags geholfen. Während des Krieges hatte er eine relativ unbeschwerte Kindheit auf dem Land bei den Stiefgroßeltern. Aber mit der Rückkehr seines Vaters aus dem Krieg zwei Jahre nach Kriegsende änderte sich alles. Der Vater war gezeichnet vom Krieg und verbittert, da er sein Malergeschäft wieder neu aufbauen musste und sein Haus in Schweinfurt noch besetzt war. Seinen Jähzorn ließ er an seinen beiden Söhnen aus, die er häufig im Waschkeller mit einem Stück Gartenschlauch verprügelte.

Die ersten Jahre wieder zurück in Schweinfurt waren für den mittlerweile 10jährigen Paul sehr hart. In der Klasse fand der schüchterne Junge keine Freunde, er wurde oft auf dem Schulweg schikaniert und man merkt, wie viel von Paul Maar in der Figur von Martin Taschenbier steckt. Es war Paul Maar, der beim Völkerball immer als Letzter vom Teamkapitän in die Mannschaft gewählt wurde und er war es, der von den stärkeren Mitschülern gequält wurde. Auch den fiesen Sportlehrer (im Buch Herr Daume) gab es wirklich.

Die Vorlage für Herrn Oberstein, dem Chef von Herrn Taschenbier, ist übrigens kein geringerer als der Vater von Paul Maar, der auch im Besitz einer Rechenmaschine war und der seinen Buchhalter Herrn Wenner überaus schlecht behandelte. Der friedfertige und überaus sanftmütige Herr Wenner wiederum dient als Vorlage für Bruno Taschenbier.

Als Paul schließlich in der Oberrealschule sitzen blieb, erwies sich das als Glücksfall. Er kam in eine künstlerisch und sprachlich begabte Klasse, fand sofort gute Freunde und konnte endlich sein künstlerisches Talent ausleben. In diese Klasse kam dann auch seine spätere Frau Nele. Als einziges Mädchen legte sie an der Schule ihr Abitur ab. Die selbstbewusste junge Frau verliebte sich in den schüchternen Paul und die beiden sollten ihr ganzes Leben miteinander teilen.

Die Begegnung mit Nele war ein wichtiger Wendepunkt. Neles (mittlerweile geschiedenen und mit neuen Partnern in einer Art Kommune zusammen lebenden) Eltern betrieben das Fränkische Theater in Stöckach. Dort hatte Paul Maar die Gelegenheit erste Bühnenbilder zu gestalten, was dem Malersohn ganz neue Möglichkeiten eröffnete. Nun entstand der Wunsch, auch beruflich etwas Kreatives zu machen. Nach einigen Jahren als Kunstlehrer wagte er den Schritt und wurde freier Autor. Heute ist Paul Maar ein gefeierter und preisgekrönter Kinderbuchautor.

Ein spannender Werdegang, wie ich finde und eine absolute Leseempfehlung für alle, die mehr über den Erfinder des Sams wissen wollen.