Von Nora Imlau, einer Vertreterin der bedürfnisorientieren Erziehung, hatte ich schon viel gehört, aber noch nichts gelesen, deshalb griff ich sofort zu, als ich dieses Buch bei den Neuerscheinungen in der Bücherei entdeckte.
Imlau, die einen journalistischen Hintergrund hat und eine Erziehungskolumne in der Zeitschrift Eltern schreibt, greift vor allem auf ihren Erfahrungsschatz als mittlerweile vierfache Mutter zurück. In ihrem Buch zitiert sie aber auch bekannte Familienexperten wie den mittlerweile verstorbenen Jesper Juul oder den Kinderarzt Dr. Renz-Polster. Sie schildert typische Alltagssituationen und gibt viele Tipps und praktische Hilfen. So kann man zum Beispiel den Nachwuchs, der lieber noch auf dem Spielplatz bleiben möchte mit „kontrolliertem Nachgeben“ dazu bringen, doch mit nach Hause zu gehen („Noch drei Mal rutschen, dann gehen wir aber.“). Diese Methode praktizieren viele Eltern bereits, bei meiner jüngeren Tochter war und ist sie mir eine große Hilfe.
Ein größeres Geschwisterkind, das nicht gerne teilt, kann man überzeugen, es doch zu tun, indem man Verständnis für seine schwierige Situation aufbringt. Ob es tatsächlich klappt, hängt natürlich immer vom Einzelfall ab. Aber bestimmt ist es einen Versuch wert.
Ich gehöre sicher nicht zu den Eltern, die kein Nein über die Lippen bringen, aber Imlau hat mich davon überzeugt, dass es sich lohnt, auch schon mit kleinen Kindern ein Gespräch zu beginnen und den Sinn bestimmter Regeln zu erklären. Klar gibt es viele Situationen, in denen man als Eltern mal eine Ansage machen muss, das ist nun mal unser Job. Und bei sehr kleinen Kindern muss man manchmal Regeln mit dem Einsatz von körperlicher Gewalt durchsetzen, z.B. wenn das Kind auf die Straße laufen will oder wenn es sich partout nicht im Kindersitz anschnallen lassen will. Imlau bezeichnet das dann als „zugewandtes Durchsetzen“, frei nach dem Motto „Ich weiß, dass du das jetzt nicht magst, aber ich bin deine Mama und ich muss das jetzt machen, um dich zu schützen.“
Spannend fand ich es zu erfahren, dass es in der bedürfnisorientierten Erziehung nicht nur um die Bedürfnisse der Kinder geht. Auch Eltern haben Bedürfnisse und sollten dringend darauf achten, dass diese gestillt werden, damit sie den Familienalltag gut bewältigen können. Wenn wir leicht aus der Haut fahren und nicht so gut auf die Kinder eingehen können, dann liegt das häufig daran, dass wir überarbeitet sind, zu wenig / zu schlecht geschlafen haben, etc.
Imlau rät an dieser Stelle dazu, noch mal die Aufgabenverteilung der Eltern genau anzuschauen (Stichwort: Mental Load) und gibt Beispiele aus ihrem Bekanntenkreis. In einer Familie kümmert sich der Vater um die Organisation sämtlicher Kindergeburtstage und um Kinderarzttermine. Das finde ich bemerkenswert! In einer anderen Familie haben sich die Eltern die Kinder sozusagen aufgeteilt und fungieren jeweils als einziger Ansprechpartner. Der Vater übernimmt die Organisation des Schulkinds und die Mutter nimmt alle Termine des Kindergartenkinds wahr. Diese Variante stelle ich mir kommunikationstechnisch äußerst unpraktisch vor, außerdem möchte ich doch als Mutter über jedes meiner Kinder Bescheid wissen.
Fazit: Sehr viele interessante Denkanstöße. Eine hilfreiche Lektüre für alle Eltern und ein Buch, das ich gern schon früher gelesen hätte 😉
