Reise in die Vergangenheit

Anstelle des 20-jährigen Klassentreffens ist es pandemiebedingt nun das 23-jährige Klassentreffen geworden. Ein Landgasthof in der Oberpfalz, nur wenige Kilometer von der A3 entfernt, ist der Schauplatz.

Was zieh ich bloß an? Nicht zu aufgedonnert, aber auch nicht zu leger…  auf alle Fälle Wohlfühlklamotten! Schließlich entscheide ich mich für eine bequeme Jeans, ein Blümchen-Shirt und eine dunkelblaue Weste (meine Große hat mich bei der Auswahl unterstützt). Wer kommt wohl alles? Richtig in Kontakt geblieben bin ich tatsächlich mit niemandem, zumal ich auch etwas weiter weg in die Großstadt gezogen bin. Ich hatte also durchaus gemischte Gefühle im Vorfeld. Aber ich habe sehr schöne Erinnerungen an meine Schulzeit, vor allem auch an die Oberstufenjahre, deshalb wollte ich auf jeden Fall hinfahren.

Dann das Ankommen. Ein Herr mittleren Alters parkt neben mir ein und winkt mir freundlich zu. Hilfe, wer ist das nur? Aber als er aussteigt und mit mir redet, erkenne ich sofort seine Stimme. Und tatsächlich sind die Meisten durchaus wiederzuerkennen, bei Anderen hilft ein Blick in die alte Abi-Zeitung. Freudige Aufregung und große Wiedersehensfreude in der Gaststube. Wo wohnst du? Was machst du? Wie viele Kinder hast du? Handys werden gezückt, Fotos vom Anhang gezeigt, es werden viele Selfies gemacht und alte neue Kontakte eingetippt. Ich selbst bin seit letztem Samstag Mitglied in der Whatsapp-Gruppe „Lk Französisch“ 😉. Wir begucken uns alte Fotoalben, die unsere Lk-Leiterin Madame H. (natürlich längst im Ruhestand) eigens angeschleppt hat und posieren gut gelaunt für ein Gruppenbild. Wir schwelgen in Erinnerungen und fühlen eine alte Verbundenheit…

Mein Jugendfreund P. wird nachdenklich: Früher sei ein Jahr so lang und so intensiv gewesen und er könne sich noch an alles erinnern, was in dem Jahr (9.Klasse) passiert sei. Heute würden bei ihm alle Tage ähnlich ablaufen und er könne mir noch nicht einmal sagen, was er vor drei Wochen gemacht habe.

Da steckt viel Wahres drin. Jetzt stecken viele von uns im Hamsterrad, die Alltagsroutine hat uns fest im Griff. Erst im Rückblick erkennen wir, wie viel Neues und Prägendes uns jedes Jahr unserer Jugend beschert hat und wie wichtig die Zeit für die Herausbildung unserer Persönlichkeit war. Schade, dass wir so selten innehalten und an unsere Träume von früher denken…

Wir sitzen und schwatzen und genießen die gemeinsame Zeit bis 2 Uhr morgens, bis die Wirtsleute zusperren wollen.

Ganz gerührt trete ich am nächsten Morgen die Heimfahrt an. Gerührt von den Begegnungen mit lieben alten Bekannten und mit meinem alten Ich.