Die Pandemie aus einer anderen Perspektive

Egal wen wir aus unserem Bekanntenkreis in Peru besuchten, irgendwann kam das Thema Corona immer zur Sprache. Die Pandemie war zweifellos ein gravierender Einschnitt auf der ganzen Welt gewesen, etwas noch nie da gewesenes, das das Leben von jedem einzeln verändert und eingeschränkt hatte.

Wir sprachen darüber, wie wir den Lockdown erlebt hatten und wer alles an Corona erkrankt war. Schnell wurde klar, dass das Leid in Peru um ein Vielfaches größer war. Während ich gerade mal eine Person persönlich kannte, die mit Corona ins Krankenhaus eingeliefert wurde und beatmet werden musste, haben unsere Verwandten und Freunde in Peru viele oftmals auch nahe stehenden Menschen sterben sehen. Demütig hörte ich ihre Schilderungen.

Peru war nach Brasilien und Mexiko das am schwersten betroffene Land in Lateinamerika. Allein in der kleinen Straße, in der die Familie meines Mannes lebt, waren drei Todesopfer zu beklagen. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Meine Schwägerin ist Lehrerin an einer Sekundarschule und berichtete, dass viele ihrer Schüler während der Corona-Pandemie zu Waisen wurden. Die schlechte medizinische Versorgung, die größere Bevölkerungsdichte, die Notwendigkeit, aus dem Haus zu gehen und sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen – das sind die Faktoren, die es dem Virus leicht gemacht haben…

Doch Peru hat seine Toten nicht vergessen, immer wieder stoßen wir auf Gedenkschilder, wie zum Beispiel auf dieses in Ventanilla:

„Am Fuße des Kreuzes ehren wir jene Männer und Frauen, die während der Covid-19-Pandemie starben. In unserer Erinnerung werden sie immer lebendig sein.“

Pedro Spadaro, Bürgermeister von Ventanilla

Tante-Emma-Laden

Meine Schwiegermutter führt einen Tante-Emma-Laden, den alle ihre Enkelkinder lieben. In diesen Sommerferien durften sich auch endlich meine Kinder als Verkäuferinnen erproben.

Zum Warensortiment gehören Lebensmittel, Drogeriebedarf und Zigaretten. Hier kann man einen Teebeutel für umgerechnet 3 Cent kaufen, ein Ei gibt es für 20 Cent. Auch Shampoo, Binden und Windeln gibt es einzeln zu kaufen. Besonders beliebt sind Bonbons, Zigaretten und Getränke.

Choti wohnt zwei Häuser weiter und kommt mehrmals am Tag. Seine Standardbestellung ist: drei Bonbons der Marke „Halls“ und eine Zigarette, dafür bezahlt er einen peruanischen Sol (das sind ca. 25 Cent).

Der Laden ist von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends geöffnet, am Wochenende gern mal länger. Bier und Zigaretten finden dann reißenden Absatz.

Der Tante-Emma-Laden ist immer durch ein Gitter gesichert. Wer etwas kaufen möchte, klimpert einfach mit einer Münze gegen das Gitter. Manchmal kann es etwas dauern, bis ein Verkäufer kommt. Aber zum Glück sind die meisten Peruaner sehr geduldig 😉

Mit ihrem Laden hat meine Schwiegermutter die Familie ernährt und die Ausbildung ihrer fünf Kinder finanziert, auch in der Corona-Pandemie hat er ihr gute Dienste erwiesen und war eine wichtige Anlaufstelle für die Nachbarn.

Wie Sand am Meer

Was bei uns absolute Mangelware ist, gibt es in Peru wie Sand am Meer: es handelt sich um Zeit. Sie steht immer in unerschöpflichem Maß zur Verfügung. Mit dem Spruch „Zeit ist Geld“ erntet man in Peru nur verständnislose Blicke.

Wäre geduldiges Warten eine olympische Disziplin, dann hätten die Peruaner zweifellos die meisten Goldmedaillen!

Die Kehrseite der Medaille ist, dass es viele Peruaner mit der Pünktlichkeit nicht so ernst nehmen. Gut ist, wenn man im Arbeitsleben zuverlässig ist. Das schaffen leider nicht alle, aber es wird immer besser, da in der Schule großen Wert auf Pünktlichkeit gelegt wird. Es gab auch zahlreiche Plakataktionen in Lima, bei denen Pünktlichkeit positiv beworben wurde. Privat ist es absolut unüblich zur verabredeten Uhrzeit zu kommen, man sollte 30 – 60 Minuten später kommen. Man kann auch zur verabredeten Uhrzeit anrufen und sagen, dass man sich langsam auf den Weg macht.

Den Vogel schießt mein jüngster Schwager C. (von Beruf Staatsanwalt) ab: Wenn wir einen gemeinsamen Ausflug machen, dann müssen wir ihn zur verabredeten (Losgeh-)Uhrzeit anrufen. Dann liegt er meist noch im Bett. Er sagt dann, dass er sich sofort auf den Weg macht, um dann erst mal in Ruhe zu frühstücken, zu duschen, etc. – das Ende vom Lied ist, dass er ca. zwei Stunden nach Beginn des Treffens zum Rest der Familie dazu stößt. Ich glaube, dass sogar seine Frau und sein Kind manchmal von ihm genervt ist, aber auch sie können ihn nicht ändern.

Ich muss zugeben als besagter Schwager zu unserer kirchlichen Hochzeit erst lange nach Beginn des Gottesdienstes aufgetaucht ist, war ich ehrlich beleidigt und habe das als Respektlosigkeit empfunden. Heute bin ich da gelassener und vielleicht sogar ein bisschen neidisch: Dass man sich so gar nicht von den Anderen stressen lässt! Ich denke, das ist eine gesunde Lebensweise. Für mich wäre das allerdings nicht praktikabel.

Für die Familie gibt es auch immer Zeit. Die Peruaner müssen am Sonntag nicht irgendwelche Gipfel erklimmen oder Ausflugsziele ansteuern, sondern sie besuchen die Familie, essen miteinander, unterhalten sich über dies und das und hören gemeinsam Musik. Mit C. gelingt ein solcher Sonntag besonders gut 😉

Früher habe ich solche Sonntage immer als die reinste Zeitverschwendung empfunden, bin immer unruhig auf meinem Stuhl hin- und her gerutscht und habe mich woanders hin gewünscht. Heute – in meinen 40ern – kann ich mich endlich darauf einlassen und einen entschleunigten Tag genießen.

Luis, der Taxifahrer mit Herz

Eine Person, die wir in diesem Monat gezwungenermaßen besser kennen gelernt haben, ist Luis, „unser“ Taxifahrer. Da meine peruanische Familie in den nördlicheren Ausläufern der Megastadt Lima lebt und man egal wohin man möchte, immer mindestens eine Stunde Fahrtzeit hat, haben wir ziemlich viel Zeit mit Luis verbracht. Wir haben ihn über eine App gefunden. Er hat ein sehr bequemes und sehr gepflegtes Auto und stammt auch noch aus dem selben Viertel, so dass er uns fast zu all unseren Ausflugszielen fuhr.

Luis gehört nicht gerade zu den schweigsamen Taxifahrern. Sobald jemand in seinem Auto sitzt, beginnt er frei heraus von sich und seinem Leben zu berichten. Und er hat wirklich so Einiges zu erzählen – die reinste Telenovela! Er stammt aus Chiclayo und lebt seit 1994 in dem Distrikt „Mi Perú“ im Norden von Lima. Bevor er Taxifahrer wurde, arbeitete er 18 Jahre lang für eine Firma, die Tierfutter von Peru nach Bolivien transportierte. Als sich seine Familie zunehmend darüber beschwerte, dass er nie zuhause war, hatte seine Frau die Idee, dass er doch in Lima als Taxifahrer arbeiten könnte. Familienmensch, der er ist, gab er dem Wunsch nach und kaufte sich ein Auto. Leider verlief der Start als Taxifahrer anders als erwartet. Nach nur 3 Tagen im neuen Job wurde Luis überfallen und sein nagelneuer Wagen geklaut.

Nach einem Monat Pause besorgte er sich wieder einen Wagen und nahm die Arbeit wieder auf. Es folgten 7-Tage-Wochen und lange Arbeitstage, die von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends gingen. Luis lernte schnell, sich durch das Verkehrschaos in Lima zu manövrieren, hatte bald viel Stammkundschaft und trickste hie und da auch mal einen Polizisten aus, der das Bußgeld für eine überfahrene Ampel in die eigene Tasche wirtschaftete. Dennoch war der Alltag sehr aufreibend und die Zeit mit der Familie zuhause immer noch zu knapp.

Da hatte Luis eine zündende Idee, er formuliert es so: Eines Nachts hätte er einen Traum gehabt, in dem ihm ein älterer bärtiger Mann sagte: „Züchte Hühner!“ – Am nächsten Morgen sagte er zu seiner Frau: „Ich werde Hühner züchten.“ – „Was willst du denn mit Hühnern?“, entgegnete sie. „Du kennst dich doch gar nicht damit aus.“ Doch Luis ließ sich nicht beirren und besorgte auf einen Streich 100 Hühner, die er in seinem Wohnhaus im zweiten Stock einquartierte. Die Zucht war nur von kurzer Dauer, da die Hühner krank wurden und innerhalb weniger Tage alle verendeten.
Doch wieder hatte er diesen Traum und dieses Mal wollte er alles richtig machen. Er informierte sich besser, baute einen richtigen Hühnerstall auf dem Dach seines Hauses und ging zum Tierarzt, um Impfungen für die Tiere zu besorgen und sein Geschäft lief langsam an.

Irgendwann waren die Hühner dann doch nicht mehr so sein Ding und er sattelte um auf Legehennen. Der Kofferraum seines Taxis ist häufig voll mit frischen Eiern, die er zu seinen Stammkunden bringt. Und nun ist noch ein neues Steckenpferd dazugekommen: die Meerschweinchenzucht. An der hängt sein ganzes Herz, mit Hingabe versorgt er die kleinen Nagetiere und schwärmt von der hohen Gewinnspanne. Gerne zeigt er auch Bilder vom letzten Wurf.

Dass Luis nicht ausschließlich am Gewinn orientiert ist, wird deutlich, wenn er spätabends auf den letzten Metern anhält, um einem Obdachlosen eine Kekspackung aus dem Fenster zu reichen. Wer demnächst in Lima einen zuverlässigen und vertrauenswürdigen Taxifahrer sucht, dem kann ich gerne den Kontakt vermitteln. Unterhaltsam ist eine Fahrt in Luis‘ Taxi allemal.

El mercado – Auf dem Markt

Ich fühle mich erst richtig in Peru angekommen, nachdem ich das erste Mal über den Markt von „Mi Perú“ gelaufen bin. Dort herrscht ein reges Treiben. Die Händler preisen lautstark ihre Waren an, ein älterer Herr mit Bauchladen will mir einen Bleistiftvorrat fürs ganze Jahr verkaufen („Cómprate tus lapices para el año“). Pyramiden von riesigen roten Erdbeeren, aufgetürmte Karotten und Selleriestangen, lila Mais und Säcke mit über 40 verschiedenen Sorten Kartoffeln – meine Augen können sich niemals sattsehen und viele verschiedene Gerüche strömen auf mich ein. Hier ist der Unverpackt-Laden schon längst Realität. Alles wird lose verkauft. Hülsenfrüchte und Mehl werden abgewogen. Eier werden stückweise angeboten.

In der Halle gibt es frischen Fisch und ganze Hühner, aber auch Kleidung, von der Unterhose bis zum Schuh, Spielzeug, verschiedene Haushaltswaren und Schreibwaren. So einen Ort sucht man in Deutschland vergebens.

Ein besonderes Highlight ist für mich ein Besuch der „Juguería“ – der Saftbar. Hier trinke ich gerne frisch gepressten Orangen- oder Papayasaft. Auch ein „Surtido“ (Multifrucht) schmeckt sehr lecker. Hartgesottene gönnen sich gerne einen „Especial“, Multifrucht mit süßem Sirup und rohem Ei – für europäische Mägen jedoch leider nur bedingt zu empfehlen. 😉