Was bei uns absolute Mangelware ist, gibt es in Peru wie Sand am Meer: es handelt sich um Zeit. Sie steht immer in unerschöpflichem Maß zur Verfügung. Mit dem Spruch „Zeit ist Geld“ erntet man in Peru nur verständnislose Blicke.
Wäre geduldiges Warten eine olympische Disziplin, dann hätten die Peruaner zweifellos die meisten Goldmedaillen!
Die Kehrseite der Medaille ist, dass es viele Peruaner mit der Pünktlichkeit nicht so ernst nehmen. Gut ist, wenn man im Arbeitsleben zuverlässig ist. Das schaffen leider nicht alle, aber es wird immer besser, da in der Schule großen Wert auf Pünktlichkeit gelegt wird. Es gab auch zahlreiche Plakataktionen in Lima, bei denen Pünktlichkeit positiv beworben wurde. Privat ist es absolut unüblich zur verabredeten Uhrzeit zu kommen, man sollte 30 – 60 Minuten später kommen. Man kann auch zur verabredeten Uhrzeit anrufen und sagen, dass man sich langsam auf den Weg macht.
Den Vogel schießt mein jüngster Schwager C. (von Beruf Staatsanwalt) ab: Wenn wir einen gemeinsamen Ausflug machen, dann müssen wir ihn zur verabredeten (Losgeh-)Uhrzeit anrufen. Dann liegt er meist noch im Bett. Er sagt dann, dass er sich sofort auf den Weg macht, um dann erst mal in Ruhe zu frühstücken, zu duschen, etc. – das Ende vom Lied ist, dass er ca. zwei Stunden nach Beginn des Treffens zum Rest der Familie dazu stößt. Ich glaube, dass sogar seine Frau und sein Kind manchmal von ihm genervt ist, aber auch sie können ihn nicht ändern.
Ich muss zugeben als besagter Schwager zu unserer kirchlichen Hochzeit erst lange nach Beginn des Gottesdienstes aufgetaucht ist, war ich ehrlich beleidigt und habe das als Respektlosigkeit empfunden. Heute bin ich da gelassener und vielleicht sogar ein bisschen neidisch: Dass man sich so gar nicht von den Anderen stressen lässt! Ich denke, das ist eine gesunde Lebensweise. Für mich wäre das allerdings nicht praktikabel.
Für die Familie gibt es auch immer Zeit. Die Peruaner müssen am Sonntag nicht irgendwelche Gipfel erklimmen oder Ausflugsziele ansteuern, sondern sie besuchen die Familie, essen miteinander, unterhalten sich über dies und das und hören gemeinsam Musik. Mit C. gelingt ein solcher Sonntag besonders gut 😉
Früher habe ich solche Sonntage immer als die reinste Zeitverschwendung empfunden, bin immer unruhig auf meinem Stuhl hin- und her gerutscht und habe mich woanders hin gewünscht. Heute – in meinen 40ern – kann ich mich endlich darauf einlassen und einen entschleunigten Tag genießen.
