Luis, der Taxifahrer mit Herz

Eine Person, die wir in diesem Monat gezwungenermaßen besser kennen gelernt haben, ist Luis, „unser“ Taxifahrer. Da meine peruanische Familie in den nördlicheren Ausläufern der Megastadt Lima lebt und man egal wohin man möchte, immer mindestens eine Stunde Fahrtzeit hat, haben wir ziemlich viel Zeit mit Luis verbracht. Wir haben ihn über eine App gefunden. Er hat ein sehr bequemes und sehr gepflegtes Auto und stammt auch noch aus dem selben Viertel, so dass er uns fast zu all unseren Ausflugszielen fuhr.

Luis gehört nicht gerade zu den schweigsamen Taxifahrern. Sobald jemand in seinem Auto sitzt, beginnt er frei heraus von sich und seinem Leben zu berichten. Und er hat wirklich so Einiges zu erzählen – die reinste Telenovela! Er stammt aus Chiclayo und lebt seit 1994 in dem Distrikt „Mi Perú“ im Norden von Lima. Bevor er Taxifahrer wurde, arbeitete er 18 Jahre lang für eine Firma, die Tierfutter von Peru nach Bolivien transportierte. Als sich seine Familie zunehmend darüber beschwerte, dass er nie zuhause war, hatte seine Frau die Idee, dass er doch in Lima als Taxifahrer arbeiten könnte. Familienmensch, der er ist, gab er dem Wunsch nach und kaufte sich ein Auto. Leider verlief der Start als Taxifahrer anders als erwartet. Nach nur 3 Tagen im neuen Job wurde Luis überfallen und sein nagelneuer Wagen geklaut.

Nach einem Monat Pause besorgte er sich wieder einen Wagen und nahm die Arbeit wieder auf. Es folgten 7-Tage-Wochen und lange Arbeitstage, die von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends gingen. Luis lernte schnell, sich durch das Verkehrschaos in Lima zu manövrieren, hatte bald viel Stammkundschaft und trickste hie und da auch mal einen Polizisten aus, der das Bußgeld für eine überfahrene Ampel in die eigene Tasche wirtschaftete. Dennoch war der Alltag sehr aufreibend und die Zeit mit der Familie zuhause immer noch zu knapp.

Da hatte Luis eine zündende Idee, er formuliert es so: Eines Nachts hätte er einen Traum gehabt, in dem ihm ein älterer bärtiger Mann sagte: „Züchte Hühner!“ – Am nächsten Morgen sagte er zu seiner Frau: „Ich werde Hühner züchten.“ – „Was willst du denn mit Hühnern?“, entgegnete sie. „Du kennst dich doch gar nicht damit aus.“ Doch Luis ließ sich nicht beirren und besorgte auf einen Streich 100 Hühner, die er in seinem Wohnhaus im zweiten Stock einquartierte. Die Zucht war nur von kurzer Dauer, da die Hühner krank wurden und innerhalb weniger Tage alle verendeten.
Doch wieder hatte er diesen Traum und dieses Mal wollte er alles richtig machen. Er informierte sich besser, baute einen richtigen Hühnerstall auf dem Dach seines Hauses und ging zum Tierarzt, um Impfungen für die Tiere zu besorgen und sein Geschäft lief langsam an.

Irgendwann waren die Hühner dann doch nicht mehr so sein Ding und er sattelte um auf Legehennen. Der Kofferraum seines Taxis ist häufig voll mit frischen Eiern, die er zu seinen Stammkunden bringt. Und nun ist noch ein neues Steckenpferd dazugekommen: die Meerschweinchenzucht. An der hängt sein ganzes Herz, mit Hingabe versorgt er die kleinen Nagetiere und schwärmt von der hohen Gewinnspanne. Gerne zeigt er auch Bilder vom letzten Wurf.

Dass Luis nicht ausschließlich am Gewinn orientiert ist, wird deutlich, wenn er spätabends auf den letzten Metern anhält, um einem Obdachlosen eine Kekspackung aus dem Fenster zu reichen. Wer demnächst in Lima einen zuverlässigen und vertrauenswürdigen Taxifahrer sucht, dem kann ich gerne den Kontakt vermitteln. Unterhaltsam ist eine Fahrt in Luis‘ Taxi allemal.