Die Pandemie aus einer anderen Perspektive

Egal wen wir aus unserem Bekanntenkreis in Peru besuchten, irgendwann kam das Thema Corona immer zur Sprache. Die Pandemie war zweifellos ein gravierender Einschnitt auf der ganzen Welt gewesen, etwas noch nie da gewesenes, das das Leben von jedem einzeln verändert und eingeschränkt hatte.

Wir sprachen darüber, wie wir den Lockdown erlebt hatten und wer alles an Corona erkrankt war. Schnell wurde klar, dass das Leid in Peru um ein Vielfaches größer war. Während ich gerade mal eine Person persönlich kannte, die mit Corona ins Krankenhaus eingeliefert wurde und beatmet werden musste, haben unsere Verwandten und Freunde in Peru viele oftmals auch nahe stehenden Menschen sterben sehen. Demütig hörte ich ihre Schilderungen.

Peru war nach Brasilien und Mexiko das am schwersten betroffene Land in Lateinamerika. Allein in der kleinen Straße, in der die Familie meines Mannes lebt, waren drei Todesopfer zu beklagen. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Meine Schwägerin ist Lehrerin an einer Sekundarschule und berichtete, dass viele ihrer Schüler während der Corona-Pandemie zu Waisen wurden. Die schlechte medizinische Versorgung, die größere Bevölkerungsdichte, die Notwendigkeit, aus dem Haus zu gehen und sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen – das sind die Faktoren, die es dem Virus leicht gemacht haben…

Doch Peru hat seine Toten nicht vergessen, immer wieder stoßen wir auf Gedenkschilder, wie zum Beispiel auf dieses in Ventanilla:

„Am Fuße des Kreuzes ehren wir jene Männer und Frauen, die während der Covid-19-Pandemie starben. In unserer Erinnerung werden sie immer lebendig sein.“

Pedro Spadaro, Bürgermeister von Ventanilla

Paul Maar: Wie alles kam

Der Erfinder des Sams hat im Alter von 83 Jahren seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Meine Kinder lieben die Geschichten vom frechen Sams, das Hörspiel „Am Samstag kam das Sams zurück“ kennt die gesamte Familie nahezu auswendig – da es uns auf vielen Autofahrten bestens unterhalten hat. Wenn sich die Kinder nicht einigen können – dieses Hörspiel geht immer!

Die Autobiografie von Paul Maar ist ein beeindruckendes Zeitzeugnis. Schnörkellos beschreibt er die verschiedenen Stationen seines Lebens: den frühen Tod der Mutter, eine Kindheit in Zeiten des Krieges, das schwierige Verhältnis zum Vater, die schicksalhafte Begegnung mit seiner Frau Nele, seine Autorwerdung und die Jahre des Schaffens und er lässt seine Leser sogar an seinem Alltag mit seiner mittlerweile an Alzheimer erkrankten Frau teilhaben.

Schnell wird klar, dass er es nicht leicht hatte im Leben, sein reiches Innenleben hat ihm stets bei der Bewältigung des Alltags geholfen. Während des Krieges hatte er eine relativ unbeschwerte Kindheit auf dem Land bei den Stiefgroßeltern. Aber mit der Rückkehr seines Vaters aus dem Krieg zwei Jahre nach Kriegsende änderte sich alles. Der Vater war gezeichnet vom Krieg und verbittert, da er sein Malergeschäft wieder neu aufbauen musste und sein Haus in Schweinfurt noch besetzt war. Seinen Jähzorn ließ er an seinen beiden Söhnen aus, die er häufig im Waschkeller mit einem Stück Gartenschlauch verprügelte.

Die ersten Jahre wieder zurück in Schweinfurt waren für den mittlerweile 10jährigen Paul sehr hart. In der Klasse fand der schüchterne Junge keine Freunde, er wurde oft auf dem Schulweg schikaniert und man merkt, wie viel von Paul Maar in der Figur von Martin Taschenbier steckt. Es war Paul Maar, der beim Völkerball immer als Letzter vom Teamkapitän in die Mannschaft gewählt wurde und er war es, der von den stärkeren Mitschülern gequält wurde. Auch den fiesen Sportlehrer (im Buch Herr Daume) gab es wirklich.

Die Vorlage für Herrn Oberstein, dem Chef von Herrn Taschenbier, ist übrigens kein geringerer als der Vater von Paul Maar, der auch im Besitz einer Rechenmaschine war und der seinen Buchhalter Herrn Wenner überaus schlecht behandelte. Der friedfertige und überaus sanftmütige Herr Wenner wiederum dient als Vorlage für Bruno Taschenbier.

Als Paul schließlich in der Oberrealschule sitzen blieb, erwies sich das als Glücksfall. Er kam in eine künstlerisch und sprachlich begabte Klasse, fand sofort gute Freunde und konnte endlich sein künstlerisches Talent ausleben. In diese Klasse kam dann auch seine spätere Frau Nele. Als einziges Mädchen legte sie an der Schule ihr Abitur ab. Die selbstbewusste junge Frau verliebte sich in den schüchternen Paul und die beiden sollten ihr ganzes Leben miteinander teilen.

Die Begegnung mit Nele war ein wichtiger Wendepunkt. Neles (mittlerweile geschiedenen und mit neuen Partnern in einer Art Kommune zusammen lebenden) Eltern betrieben das Fränkische Theater in Stöckach. Dort hatte Paul Maar die Gelegenheit erste Bühnenbilder zu gestalten, was dem Malersohn ganz neue Möglichkeiten eröffnete. Nun entstand der Wunsch, auch beruflich etwas Kreatives zu machen. Nach einigen Jahren als Kunstlehrer wagte er den Schritt und wurde freier Autor. Heute ist Paul Maar ein gefeierter und preisgekrönter Kinderbuchautor.

Ein spannender Werdegang, wie ich finde und eine absolute Leseempfehlung für alle, die mehr über den Erfinder des Sams wissen wollen.

Tante-Emma-Laden

Meine Schwiegermutter führt einen Tante-Emma-Laden, den alle ihre Enkelkinder lieben. In diesen Sommerferien durften sich auch endlich meine Kinder als Verkäuferinnen erproben.

Zum Warensortiment gehören Lebensmittel, Drogeriebedarf und Zigaretten. Hier kann man einen Teebeutel für umgerechnet 3 Cent kaufen, ein Ei gibt es für 20 Cent. Auch Shampoo, Binden und Windeln gibt es einzeln zu kaufen. Besonders beliebt sind Bonbons, Zigaretten und Getränke.

Choti wohnt zwei Häuser weiter und kommt mehrmals am Tag. Seine Standardbestellung ist: drei Bonbons der Marke „Halls“ und eine Zigarette, dafür bezahlt er einen peruanischen Sol (das sind ca. 25 Cent).

Der Laden ist von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends geöffnet, am Wochenende gern mal länger. Bier und Zigaretten finden dann reißenden Absatz.

Der Tante-Emma-Laden ist immer durch ein Gitter gesichert. Wer etwas kaufen möchte, klimpert einfach mit einer Münze gegen das Gitter. Manchmal kann es etwas dauern, bis ein Verkäufer kommt. Aber zum Glück sind die meisten Peruaner sehr geduldig 😉

Mit ihrem Laden hat meine Schwiegermutter die Familie ernährt und die Ausbildung ihrer fünf Kinder finanziert, auch in der Corona-Pandemie hat er ihr gute Dienste erwiesen und war eine wichtige Anlaufstelle für die Nachbarn.

Wie Sand am Meer

Was bei uns absolute Mangelware ist, gibt es in Peru wie Sand am Meer: es handelt sich um Zeit. Sie steht immer in unerschöpflichem Maß zur Verfügung. Mit dem Spruch „Zeit ist Geld“ erntet man in Peru nur verständnislose Blicke.

Wäre geduldiges Warten eine olympische Disziplin, dann hätten die Peruaner zweifellos die meisten Goldmedaillen!

Die Kehrseite der Medaille ist, dass es viele Peruaner mit der Pünktlichkeit nicht so ernst nehmen. Gut ist, wenn man im Arbeitsleben zuverlässig ist. Das schaffen leider nicht alle, aber es wird immer besser, da in der Schule großen Wert auf Pünktlichkeit gelegt wird. Es gab auch zahlreiche Plakataktionen in Lima, bei denen Pünktlichkeit positiv beworben wurde. Privat ist es absolut unüblich zur verabredeten Uhrzeit zu kommen, man sollte 30 – 60 Minuten später kommen. Man kann auch zur verabredeten Uhrzeit anrufen und sagen, dass man sich langsam auf den Weg macht.

Den Vogel schießt mein jüngster Schwager C. (von Beruf Staatsanwalt) ab: Wenn wir einen gemeinsamen Ausflug machen, dann müssen wir ihn zur verabredeten (Losgeh-)Uhrzeit anrufen. Dann liegt er meist noch im Bett. Er sagt dann, dass er sich sofort auf den Weg macht, um dann erst mal in Ruhe zu frühstücken, zu duschen, etc. – das Ende vom Lied ist, dass er ca. zwei Stunden nach Beginn des Treffens zum Rest der Familie dazu stößt. Ich glaube, dass sogar seine Frau und sein Kind manchmal von ihm genervt ist, aber auch sie können ihn nicht ändern.

Ich muss zugeben als besagter Schwager zu unserer kirchlichen Hochzeit erst lange nach Beginn des Gottesdienstes aufgetaucht ist, war ich ehrlich beleidigt und habe das als Respektlosigkeit empfunden. Heute bin ich da gelassener und vielleicht sogar ein bisschen neidisch: Dass man sich so gar nicht von den Anderen stressen lässt! Ich denke, das ist eine gesunde Lebensweise. Für mich wäre das allerdings nicht praktikabel.

Für die Familie gibt es auch immer Zeit. Die Peruaner müssen am Sonntag nicht irgendwelche Gipfel erklimmen oder Ausflugsziele ansteuern, sondern sie besuchen die Familie, essen miteinander, unterhalten sich über dies und das und hören gemeinsam Musik. Mit C. gelingt ein solcher Sonntag besonders gut 😉

Früher habe ich solche Sonntage immer als die reinste Zeitverschwendung empfunden, bin immer unruhig auf meinem Stuhl hin- und her gerutscht und habe mich woanders hin gewünscht. Heute – in meinen 40ern – kann ich mich endlich darauf einlassen und einen entschleunigten Tag genießen.

Luis, der Taxifahrer mit Herz

Eine Person, die wir in diesem Monat gezwungenermaßen besser kennen gelernt haben, ist Luis, „unser“ Taxifahrer. Da meine peruanische Familie in den nördlicheren Ausläufern der Megastadt Lima lebt und man egal wohin man möchte, immer mindestens eine Stunde Fahrtzeit hat, haben wir ziemlich viel Zeit mit Luis verbracht. Wir haben ihn über eine App gefunden. Er hat ein sehr bequemes und sehr gepflegtes Auto und stammt auch noch aus dem selben Viertel, so dass er uns fast zu all unseren Ausflugszielen fuhr.

Luis gehört nicht gerade zu den schweigsamen Taxifahrern. Sobald jemand in seinem Auto sitzt, beginnt er frei heraus von sich und seinem Leben zu berichten. Und er hat wirklich so Einiges zu erzählen – die reinste Telenovela! Er stammt aus Chiclayo und lebt seit 1994 in dem Distrikt „Mi Perú“ im Norden von Lima. Bevor er Taxifahrer wurde, arbeitete er 18 Jahre lang für eine Firma, die Tierfutter von Peru nach Bolivien transportierte. Als sich seine Familie zunehmend darüber beschwerte, dass er nie zuhause war, hatte seine Frau die Idee, dass er doch in Lima als Taxifahrer arbeiten könnte. Familienmensch, der er ist, gab er dem Wunsch nach und kaufte sich ein Auto. Leider verlief der Start als Taxifahrer anders als erwartet. Nach nur 3 Tagen im neuen Job wurde Luis überfallen und sein nagelneuer Wagen geklaut.

Nach einem Monat Pause besorgte er sich wieder einen Wagen und nahm die Arbeit wieder auf. Es folgten 7-Tage-Wochen und lange Arbeitstage, die von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends gingen. Luis lernte schnell, sich durch das Verkehrschaos in Lima zu manövrieren, hatte bald viel Stammkundschaft und trickste hie und da auch mal einen Polizisten aus, der das Bußgeld für eine überfahrene Ampel in die eigene Tasche wirtschaftete. Dennoch war der Alltag sehr aufreibend und die Zeit mit der Familie zuhause immer noch zu knapp.

Da hatte Luis eine zündende Idee, er formuliert es so: Eines Nachts hätte er einen Traum gehabt, in dem ihm ein älterer bärtiger Mann sagte: „Züchte Hühner!“ – Am nächsten Morgen sagte er zu seiner Frau: „Ich werde Hühner züchten.“ – „Was willst du denn mit Hühnern?“, entgegnete sie. „Du kennst dich doch gar nicht damit aus.“ Doch Luis ließ sich nicht beirren und besorgte auf einen Streich 100 Hühner, die er in seinem Wohnhaus im zweiten Stock einquartierte. Die Zucht war nur von kurzer Dauer, da die Hühner krank wurden und innerhalb weniger Tage alle verendeten.
Doch wieder hatte er diesen Traum und dieses Mal wollte er alles richtig machen. Er informierte sich besser, baute einen richtigen Hühnerstall auf dem Dach seines Hauses und ging zum Tierarzt, um Impfungen für die Tiere zu besorgen und sein Geschäft lief langsam an.

Irgendwann waren die Hühner dann doch nicht mehr so sein Ding und er sattelte um auf Legehennen. Der Kofferraum seines Taxis ist häufig voll mit frischen Eiern, die er zu seinen Stammkunden bringt. Und nun ist noch ein neues Steckenpferd dazugekommen: die Meerschweinchenzucht. An der hängt sein ganzes Herz, mit Hingabe versorgt er die kleinen Nagetiere und schwärmt von der hohen Gewinnspanne. Gerne zeigt er auch Bilder vom letzten Wurf.

Dass Luis nicht ausschließlich am Gewinn orientiert ist, wird deutlich, wenn er spätabends auf den letzten Metern anhält, um einem Obdachlosen eine Kekspackung aus dem Fenster zu reichen. Wer demnächst in Lima einen zuverlässigen und vertrauenswürdigen Taxifahrer sucht, dem kann ich gerne den Kontakt vermitteln. Unterhaltsam ist eine Fahrt in Luis‘ Taxi allemal.

El mercado – Auf dem Markt

Ich fühle mich erst richtig in Peru angekommen, nachdem ich das erste Mal über den Markt von „Mi Perú“ gelaufen bin. Dort herrscht ein reges Treiben. Die Händler preisen lautstark ihre Waren an, ein älterer Herr mit Bauchladen will mir einen Bleistiftvorrat fürs ganze Jahr verkaufen („Cómprate tus lapices para el año“). Pyramiden von riesigen roten Erdbeeren, aufgetürmte Karotten und Selleriestangen, lila Mais und Säcke mit über 40 verschiedenen Sorten Kartoffeln – meine Augen können sich niemals sattsehen und viele verschiedene Gerüche strömen auf mich ein. Hier ist der Unverpackt-Laden schon längst Realität. Alles wird lose verkauft. Hülsenfrüchte und Mehl werden abgewogen. Eier werden stückweise angeboten.

In der Halle gibt es frischen Fisch und ganze Hühner, aber auch Kleidung, von der Unterhose bis zum Schuh, Spielzeug, verschiedene Haushaltswaren und Schreibwaren. So einen Ort sucht man in Deutschland vergebens.

Ein besonderes Highlight ist für mich ein Besuch der „Juguería“ – der Saftbar. Hier trinke ich gerne frisch gepressten Orangen- oder Papayasaft. Auch ein „Surtido“ (Multifrucht) schmeckt sehr lecker. Hartgesottene gönnen sich gerne einen „Especial“, Multifrucht mit süßem Sirup und rohem Ei – für europäische Mägen jedoch leider nur bedingt zu empfehlen. 😉

Jo Wilde: Nur wir beide

Kann man nach 35 Ehejahren noch miteinander glücklich sein geschweige denn sich noch mal genauso verliebt fühlen wie am Anfang?

Diese Fragen versucht dieses Buch von Jo Wilde zu beantworten. Die Geschichte geht so: Julie und Michael Marshall haben sich nach 35 gemeinsamen Jahren nicht mehr viel zu sagen. Sie schlafen längst in getrennten Schlafzimmern und leben nur noch nebeneinander her. Die Handlung setzt ein, als Julie gerade die Scheidungspapiere bei ihrem Anwalt abgeholt hat. Just an diesem Abend verkündet der Premierminister den Lockdown und die Scheidungspapiere landen erstmal in der Nachttischschublade…

In den nächsten Wochen hat das Ehepaar Marshall ausgiebig Zeit, sich miteinander zu beschäftigen. Mit diesem Buch kann man die Zeit des Lockdown noch einmal Revue passieren lassen: die Stunden im Homeoffice, Sportkurse per Zoom-Konferenz, Facetime-Anrufe, um mit der Familie in Kontakt zu bleiben, der Applaus für Pflegekräfte, Spaziergänge zur Pflege sozialer Kontakte, das Wiederentdecken des Brotbackens und sogar der Kampf ums Toilettenpapier. Nichts wird ausgespart.

Die erzwungene Zweisamkeit geht nicht spurlos an Julie und Michael vorüber. Sie kommen wieder miteinander ins Gespräch und finden schließlich den Grund, warum sie sich immer weiter auseinander entwickelt haben. Sie besinnen sich auch der Vorzüge des Ehepartners. Nach mehreren romantischen Gesten und einem handfesten Krach gelingt es schließlich, die Ehe zu retten.

Auch wenn die Geschichte bisweilen etwas konstruiert wirkt und künstlich in die Länge gezogen wird (die Aussprache der Eheleute verzögert sich immer wieder), möchte man das Buch in einem Rutsch durchlesen. Eine unterhaltsame Ferienlektüre, die einen noch einmal in die Zeit des Lockdown zurückversetzt!

Nürnberg im August

Nie hat es mir die Stadt leichter gemacht, sie zu verlassen.

Keine Straße, die nicht aufgerissen ist.

Keine U-Bahn-Linie, die nicht umgeleitet wird.

Nahezu unmöglich, von einem Ort zum Anderen zu gelangen.

„Sag, was machst du noch hier?“ fragt mich die Stadt.

„Fahr ans Meer, in die Berge, aufs Land. Es ist Zeit!“

Ja, du hast ja so recht, denke ich bei mir.

Was will ich noch hier, wo sich die Autoschlangen im Schneckentempo durch die Stadt quälen.

Wo sich Menschen wie Heringe in die wenigen U-Bahnen, die noch fahren, zwängen.

Meine Koffer sind längst gepackt.

Bald kehr ich dir den Rücken

Um im Herbst mit neuem Schwung und neuen Bildern im Kopf die Alltagsroutine wieder aufzunehmen.

Reise in die Vergangenheit

Anstelle des 20-jährigen Klassentreffens ist es pandemiebedingt nun das 23-jährige Klassentreffen geworden. Ein Landgasthof in der Oberpfalz, nur wenige Kilometer von der A3 entfernt, ist der Schauplatz.

Was zieh ich bloß an? Nicht zu aufgedonnert, aber auch nicht zu leger…  auf alle Fälle Wohlfühlklamotten! Schließlich entscheide ich mich für eine bequeme Jeans, ein Blümchen-Shirt und eine dunkelblaue Weste (meine Große hat mich bei der Auswahl unterstützt). Wer kommt wohl alles? Richtig in Kontakt geblieben bin ich tatsächlich mit niemandem, zumal ich auch etwas weiter weg in die Großstadt gezogen bin. Ich hatte also durchaus gemischte Gefühle im Vorfeld. Aber ich habe sehr schöne Erinnerungen an meine Schulzeit, vor allem auch an die Oberstufenjahre, deshalb wollte ich auf jeden Fall hinfahren.

Dann das Ankommen. Ein Herr mittleren Alters parkt neben mir ein und winkt mir freundlich zu. Hilfe, wer ist das nur? Aber als er aussteigt und mit mir redet, erkenne ich sofort seine Stimme. Und tatsächlich sind die Meisten durchaus wiederzuerkennen, bei Anderen hilft ein Blick in die alte Abi-Zeitung. Freudige Aufregung und große Wiedersehensfreude in der Gaststube. Wo wohnst du? Was machst du? Wie viele Kinder hast du? Handys werden gezückt, Fotos vom Anhang gezeigt, es werden viele Selfies gemacht und alte neue Kontakte eingetippt. Ich selbst bin seit letztem Samstag Mitglied in der Whatsapp-Gruppe „Lk Französisch“ 😉. Wir begucken uns alte Fotoalben, die unsere Lk-Leiterin Madame H. (natürlich längst im Ruhestand) eigens angeschleppt hat und posieren gut gelaunt für ein Gruppenbild. Wir schwelgen in Erinnerungen und fühlen eine alte Verbundenheit…

Mein Jugendfreund P. wird nachdenklich: Früher sei ein Jahr so lang und so intensiv gewesen und er könne sich noch an alles erinnern, was in dem Jahr (9.Klasse) passiert sei. Heute würden bei ihm alle Tage ähnlich ablaufen und er könne mir noch nicht einmal sagen, was er vor drei Wochen gemacht habe.

Da steckt viel Wahres drin. Jetzt stecken viele von uns im Hamsterrad, die Alltagsroutine hat uns fest im Griff. Erst im Rückblick erkennen wir, wie viel Neues und Prägendes uns jedes Jahr unserer Jugend beschert hat und wie wichtig die Zeit für die Herausbildung unserer Persönlichkeit war. Schade, dass wir so selten innehalten und an unsere Träume von früher denken…

Wir sitzen und schwatzen und genießen die gemeinsame Zeit bis 2 Uhr morgens, bis die Wirtsleute zusperren wollen.

Ganz gerührt trete ich am nächsten Morgen die Heimfahrt an. Gerührt von den Begegnungen mit lieben alten Bekannten und mit meinem alten Ich.

Michelle Obama: Das Licht in uns

Nachdem ich das erste Buch der ehemaligen amerikanischen First Lady regelrecht verschlungen hatte, war ihr zweiter Titel eine absolute Pflichtlektüre für mich. Michelle Obama gibt wieder zutiefst persönliche Einblicke. Sie schildert wie sie die vergangenen „Schreckens“jahre erlebt und auch überlebt hat: den Wahlsieg von Donald Trump, den Ausbruch des Coronavirus und die Zeit des Lockdowns sowie den grausamen Mord an George Floyd.

Stärker als in ihrem ersten Buch wird dabei ihre eigene Herkunft als People of color thematisiert.

Obama schreibt darüber, was ihr in dieser unsteten Zeit Halt gegeben hat. Dazu zählen Freundschaften, ein gesunder Lebensstil, Tätigkeiten, die einen erden (bei ihr war das das Stricken) und ihre Familie. Sie gibt auch wieder Einblicke in ihre Beziehung zu Barack und ihre Ehrlichkeit ist auch dieses Mal herrlich entwaffnend: Auch sie hat gelegentlich Wutanfälle und Lust, ihren Partner aus dem Fenster zu stoßen 😉.

Schließlich zählt sie fünf Lebensweisheiten ihrer Mutter auf, die sie geprägt haben. Meine Favorit ist „Erziehen Sie das Kind, das Sie bekommen haben.“

An Intensität und Glamour kann „Das Licht in uns“ nicht mit „Becoming“ mithalten, das Buch plätschert eher so dahin. Aber das Ende fand ich dann doch sehr inspirierend. Michelle Obama erklärt ihren viel zitierten Spruch „When they go low, we go high“ – der zugleich ihr und Baracks Lebensmotto ist. In der deutschen Übersetzung wurde er zu „Sich von seiner besten Seite zeigen“.

Damit ist gemeint, dass man sich selbst immer treu bleiben und immer an das Gute glauben soll, auch wenn die Anderen unfair spielen.

Michelle Obama ist für mich eine Frau mit Herz und Verstand und ich oute mich als große Bewunderin!