Der Schlüssel

Machen wir uns nichts vor. Ein Leben mit Kindern bedeutet immer ein gewisses Maß an Chaos und Unberechenbarkeit. Der Verlust eines Schlüssels am letzten Wochenende hat mir das wieder einmal eindrucksvoll vor Augen geführt.

Am Sonntagnachmittag fiel mir auf, dass der Garagenschlüssel (von dem wir leider nur 1 Exemplar haben – aber das wird sich jetzt garantiert bald ändern!) nicht am gewohnten Platz im Schlüsselkörbchen im Flur lag. Erst einmal hab ich mir nicht viel dabei gedacht, da ich eigentlich fast die Einzige in der Familie bin, die ihn benutzt und ihn auch gern mal in eine Hosen- oder Jackentasche stecke… ich hab also ganz ruhig angefangen zu suchen. Erst in den Hosen, dann in den Jacken, im Arbeitsrucksack, in der Handtasche usw.

Dann fing ich an, an den unwahrscheinlicheren Orten zu suchen, auf Kommoden, Fensterbrettern, schließlich suchte ich auch an den unmöglichsten Orten unter und sogar hinter den Kommoden im Flur. Immer noch nichts! Als mein Mann am Abend nach Hause kam, war ich schon ziemlich aufgelöst. Er half mir beim Suchen und wir stellten gemeinsam die gesamte Wohnung auf den Kopf! Wir erinnerten uns an frühere, erfolgreiche Schlüsselsuchen: einmal hatte unsere Große als Krabbelbaby den ganzen Schlüsselbund verschleppt. Er tauchte Tage später zufällig im Fernsehschrank wieder auf. Ein anderes Mal war ein Schlüssel vom Garderobenschränkchen in einen Schuh gefallen und wir sind zufällig drauf getreten. Aber auch an den unmöglichsten Orten fanden wir an diesem Abend nichts.

Schließlich beruhigte ich mich und versuchte, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Na gut, dann müssen wir eben die Garage aufbrechen und ein neues Schloss einbauen…

Am Montag nach der Arbeit hab ich noch ein wenig halbherzig gesucht, hatte mich aber eigentlich schon mit der Situation abgefunden. Am Abend machte ich mich noch mal auf den Weg zu einem Essen mit Kollegen, ich griff nach meinem Schlüsselbund und warf dabei einen ungläubigen Blick ins Schlüsselkörbchen: Der Garagenschlüssel und der Hausschlüssel meiner anderen Tochter lagen darin. „Wo kommen denn plötzlich die Schlüssel her? Die waren doch vorher nicht drin?“, entfuhr es mir.

„Die hab ich am Freitag früh alle eingesteckt“, entgegnete mir meine Teenie-Tochter seelenruhig. „Und wo waren die die ganze Zeit?“, wollte ich wissen.

„In meinem Rucksack.“

„Aber du wusstest doch, dass ich wie verrückt nach einem Schlüssel gesucht habe!“, rief ich erstaunt. Nur Schulterzucken.

Naja, was soll’s! Hauptsache, der Schlüssel war wieder da! Die Freude war riesengroß! Es hat mich schon ein wenig beruhigt, dass ich den Schlüssel nicht verlegt hatte. Für alle Fälle lasse ich jetzt endlich einen Ersatzschlüssel anfertigen 😊

Digitales Entrümpeln

Krankheitsbedingt war meine Bildschirmzeit in den letzten Monaten deutlich höher als gewöhnlich. Noch dazu hatte ich Zeit im Überfluss, auch Zeit für die unangenehmen Dinge des Lebens. Eines davon war das Ausmisten meines eMail-Postfachs.

Im letzten Jahr habe ich in kurzen Abständen immer wieder Warnungen bekommen, dass mein eMail-Postfach zu voll ist und dass ich mir zusätzlichen Speicher kaufen müsste. Daraufhin habe ich ein bisschen was gelöscht, bis die nächste Warnung kann.

In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich immer dann, wenn absoluter Leerlauf war, eMails gelöscht. Der Ordner „Soziale Netzwerke“ war schnell leer, aber mit der Ordner „Werbung“ hat ewig gedauert! Erst letzte Woche habe ich die allerletzte unnütze Werbe-eMail aus dem Jahr 2010 (!) gelöscht. Das Gefühl der Erleichterung war enorm!

Es ist wirklich erschütternd, wie viel Datenmüll produziert wird und wie viel Zeit man zum Löschen und/oder richtigem Abspeichern braucht. Zu Spitzenzeiten habe ich acht Newsletter am Tag bekommen – das macht über 56 pro Woche und 2912 im Jahr! Das war echt eine erschreckende Erkenntnis. Bedauerlich, dass ich mich nicht früher darum gekümmert habe! Im Zuge der Entrümpelungsaktion habe ich mich von vielen unnützen Newslettern abgemeldet, aber ich habe festgestellt, dass man unwahrscheinlich aufpassen muss, dass man nicht aus Versehen wieder neue abonniert.

Dann kam mein dienstliches eMail-Postfach an die Reihe. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich dieses besser in Schuss halte 😉. Allerdings habe ich unterschätzt, wie viele gesendete Nachrichten ich noch im Postfach hatte (über 1000). Da sind alle alten jetzt weg, das war auch noch mal sehr befreiend, da sich darin noch Spuren von so manch unangenehmer Korrespondenz fanden.

Schön, dass ich das Mal in Ruhe erledigen konnte 😊

Mama ist krank

Für die ganze Familie war es ein Riesenthema, dass ich jetzt wegen eines Leistenbruchs wochen- ja sogar monatelang nicht richtig einsatzfähig war. Mein Mann hat die täglichen Dinge des Alltags alleine gewuppt und was nicht dringend war, ist einfach liegen geblieben. Natürlich haben wir die Kinder auch mehr in die Pflicht genommen. Manches haben sie gern gemacht, manches weniger gern.

Tisch decken und abräumen ist jetzt endlich eine Selbstverständlichkeit geworden. Hat ja lange genug gedauert…

Wir haben auch so ein Frühstückstablett, das man im Bett aufstellen kann und das – ehrlicherweise – sehr selten zum Einsatz kommt. Meine Große ist ja Frühaufsteherin und hat mich ein paar Mal mit Frühstück im Bett beglückt 😊 – aber über so einen langen Zeitraum wie ich krank war, kann man das natürlich nicht erwarten!

Den Meerschweinchen-Käfig ausmisten war auch so eine Sache. Aus praktischen Gründen habe ich das in der Vergangenheit häufig alleine gemacht. Jetzt mussten die Kinder übernehmen. Die ersten Male haben sie ewig gebraucht und sich dabei übelst darüber gestritten, wer von beiden mehr macht. Aber es wurde tatsächlich irgendwann besser. Meine Kleine sagte danach jedes Mal zu mir: „Aber nächste Woche mach ich das nicht mehr!“ – Es war schwer, ihr zu erklären, dass sie mich sehr lange würde vertreten müssen…

Jetzt, wo ich mich wieder einigermaßen rühren kann, haben wir ausgemacht, dass wir den Käfig abwechselnd reinigen – für mich schon eine unglaubliche Verbesserung zu vorher 😊

Als es auf die OP zuging, haben sich die Kinder auch so ihre Gedanken gemacht. Die Große fragte mich einige Tage davor, ob dabei eigentlich irgendwas schief gehen könnte. Ich habe sie beruhigt und gesagt, dass es eine Routineeingriff sei und der Operateur sehr erfahren und dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche.

Unser kleines Temperamentsbündel reagierte auf seine ganz eigene Weise. Am Abend vor der OP sagte die Kleine ernst zu mir: „Wenn der irgendwas falsch macht, dann hau ich ihn!“

Die Wochen nach der OP mussten mich die Kinder wie ein rohes Ei behandeln – zum Glück sind sie nicht mehr so klein. Unsere Kleine ist allerdings recht impulsiv und hat ein paar Mal nicht dran gedacht, aber ich konnte sie immer rechtzeitig ausbremsen.

Für mich war es sehr spannend, zu erleben, wie die Kinder sich mit der Situation arrangierten und was für Gedanken sie sich gemacht haben.

Wovon wir alle profitiert haben, ist die Zeit, die es plötzlich im Überfluss gab. Zeit, mit den Kindern Hausaufgaben zu machen oder für Proben zu lernen. Zeit, mit der Großen ihre Lieblingstiktoker zu gucken. Zeit, Spiele zu spielen und natürlich auch ganz viel Zeit zum Vorlesen am Abend.

Und so hat sich dieser Spruch wieder mal bewahrheitet: Alles Schlechte hat auch sein Gutes.

Ein neues Hobby: Weben

Das Weben spukte schon lange in meinem Kopf herum, bis es endlich zu mir fand. Ich kaufe regelmäßig in einer Behindertenwerkstatt ein und dort fielen mir stets die gewebten Sitzkissen ins Auge. „Solche würde ich mir auch gern mal weben!“ dachte ich bei mir. Aber nie kaufte ich den Bausatz für den Webrahmen, schließlich hatte ich keine Zeit. So ging das eine ganze Weile.

Eines Freitagsnachmittags, nach einer harten Arbeitswoche, griff ich schließlich zum Stäbchenwebrahmen und startete noch am Abend mit null Vorkenntnissen mein erstes Webprojekt. Wenn man mit dicken Filzschnüren webt, sieht man schon nach kurzer Zeit Ergebnisse. Das macht Riesenspaß und süchtig nach mehr! Innerhalb kurzer Zeit schaffte ich ein Sitzkissen in nur einer Stunde.

Bald merkte ich, dass mich das Weben total erdet. Die Arbeit ist vergessen und ich konzentriere mich nur auf meine geschäftigen Hände, bin einfach im Hier und Jetzt. Wenn ich merke, dass das negative Gedankenkarussell anspringt, webe ich besonders gerne. Ich habe mir vorgenommen, diese negative Energie umzuwidmen und es gelingt oft.

Zum Glück wünschte sich meine Mutter einen Satz Sitzkissen zu Weihnachten. Ich bestellte mir ein riesengroßes Wollknäuel und machte mich an die Arbeit. Das Schönste daran: meine Mutter und ich hatten gleichermaßen Freude an dem Geschenk. Ich beim Weben und meine Mutter freute sich über das Endprodukt. Ich werde sicher noch mehr Familienmitglieder und Freunde mit meinen gewebten Werken beglücken 😉

Maulwurf der ich bin, tauchte ich tiefer in die Geschichte des Webens ein, besorgte mir günstig einen gebrauchten Webrahmen mit Wendekamm und Bücher mit Anleitungen. Ich fing an, filigraner zu weben. Ich muss sagen, der Anfang war härter als gedacht. Man muss den Webrahmen sehr exakt bespannen, man kann dabei sehr viel falsch machen und es dauert viel länger, bis man Ergebnisse sieht. Nichtsdestotrotz stellt sich das gleiche Gefühl ein: die geschäftigen Hände und die Ruhe im Kopf. Mal sehen, wo das alles noch hinführt. Nach einem Übungsstück mit einem ersten Muster, habe ich einen Schal im Hahnentrittmuster gewebt. Meine nächsten Projekte sind ein Tischläufer und Kissenbezüge. Ich bin froh und dankbar, diese Art der Entspannung für mich entdeckt zu haben! Sie hat mich gut durch die Zeit meines Leistenbruchs gebracht, in der ich mich kaum bewegen konnte.

Mama, wann fahren wir ins Wichtelgebäude?

Das hat mich meine Tochter M. heute gefragt, gemeint hat sie natürlich das „Fichtelgebirge“ 😉 Wir mussten alle so schmunzeln über diesen wunderbaren Versprecher und eigentlich ist „Wichtelgebäude“ ja auch das viel schönere Wort. Ich möchte diesen Versprecher zum Anlass nehmen, wieder eine Rubrik mit den schönsten Sprüchen meiner Kinder aufzumachen. Es ist lange her, dass ich hier welche veröffentlicht habe, aber es ist nicht so, dass es sie nicht geben würde.

Zurück zum Wichtelgebäude. Nachdem wir geklärt hatten, was das Fichtelgebirge ist, fragte ich M. wie sie sich das Wichtelgebäude vorstellt: „Ein Pilzhaus mit vielen Wichteln darin.“ Mal sehen, ob wir so eines im Fichtelgebirge finden…

Nora Imlau: Meine Grenze ist dein Halt – Kindern liebevoll Stopp sagen

Von Nora Imlau, einer Vertreterin der bedürfnisorientieren Erziehung, hatte ich schon viel gehört, aber noch nichts gelesen, deshalb griff ich sofort zu, als ich dieses Buch bei den Neuerscheinungen in der Bücherei entdeckte.

Imlau, die einen journalistischen Hintergrund hat und eine Erziehungskolumne in der Zeitschrift Eltern schreibt, greift vor allem auf ihren Erfahrungsschatz als mittlerweile vierfache Mutter zurück. In ihrem Buch zitiert sie aber auch bekannte Familienexperten wie den mittlerweile verstorbenen Jesper Juul oder den Kinderarzt Dr. Renz-Polster. Sie schildert typische Alltagssituationen und gibt viele Tipps und praktische Hilfen. So kann man zum Beispiel den Nachwuchs, der lieber noch auf dem Spielplatz bleiben möchte mit „kontrolliertem Nachgeben“ dazu bringen, doch mit nach Hause zu gehen („Noch drei Mal rutschen, dann gehen wir aber.“). Diese Methode praktizieren viele Eltern bereits, bei meiner jüngeren Tochter war und ist sie mir eine große Hilfe.

Ein größeres Geschwisterkind, das nicht gerne teilt, kann man überzeugen, es doch zu tun, indem man Verständnis für seine schwierige Situation aufbringt. Ob es tatsächlich klappt, hängt natürlich immer vom Einzelfall ab. Aber bestimmt ist es einen Versuch wert.

Ich gehöre sicher nicht zu den Eltern, die kein Nein über die Lippen bringen, aber Imlau hat mich davon überzeugt, dass es sich lohnt, auch schon mit kleinen Kindern ein Gespräch zu beginnen und den Sinn bestimmter Regeln zu erklären. Klar gibt es viele Situationen, in denen man als Eltern mal eine Ansage machen muss, das ist nun mal unser Job. Und bei sehr kleinen Kindern muss man manchmal Regeln mit dem Einsatz von körperlicher Gewalt durchsetzen, z.B. wenn das Kind auf die Straße laufen will oder wenn es sich partout nicht im Kindersitz anschnallen lassen will. Imlau bezeichnet das dann als „zugewandtes Durchsetzen“, frei nach dem Motto „Ich weiß, dass du das jetzt nicht magst, aber ich bin deine Mama und ich muss das jetzt machen, um dich zu schützen.“

Spannend fand ich es zu erfahren, dass es in der bedürfnisorientierten Erziehung nicht nur um die Bedürfnisse der Kinder geht. Auch Eltern haben Bedürfnisse und sollten dringend darauf achten, dass diese gestillt werden, damit sie den Familienalltag gut bewältigen können. Wenn wir leicht aus der Haut fahren und nicht so gut auf die Kinder eingehen können, dann liegt das häufig daran, dass wir überarbeitet sind, zu wenig / zu schlecht geschlafen haben, etc.

Imlau rät an dieser Stelle dazu, noch mal die Aufgabenverteilung der Eltern genau anzuschauen (Stichwort: Mental Load) und gibt Beispiele aus ihrem Bekanntenkreis. In einer Familie kümmert sich der Vater um die Organisation sämtlicher Kindergeburtstage und um Kinderarzttermine. Das finde ich bemerkenswert! In einer anderen Familie haben sich die Eltern die Kinder sozusagen aufgeteilt und fungieren jeweils als einziger Ansprechpartner. Der Vater übernimmt die Organisation des Schulkinds und die Mutter nimmt alle Termine des Kindergartenkinds wahr. Diese Variante stelle ich mir kommunikationstechnisch äußerst unpraktisch vor, außerdem möchte ich doch als Mutter über jedes meiner Kinder Bescheid wissen.

Fazit: Sehr viele interessante Denkanstöße. Eine hilfreiche Lektüre für alle Eltern und ein Buch, das ich gern schon früher gelesen hätte 😉

Die Pandemie aus einer anderen Perspektive

Egal wen wir aus unserem Bekanntenkreis in Peru besuchten, irgendwann kam das Thema Corona immer zur Sprache. Die Pandemie war zweifellos ein gravierender Einschnitt auf der ganzen Welt gewesen, etwas noch nie da gewesenes, das das Leben von jedem einzeln verändert und eingeschränkt hatte.

Wir sprachen darüber, wie wir den Lockdown erlebt hatten und wer alles an Corona erkrankt war. Schnell wurde klar, dass das Leid in Peru um ein Vielfaches größer war. Während ich gerade mal eine Person persönlich kannte, die mit Corona ins Krankenhaus eingeliefert wurde und beatmet werden musste, haben unsere Verwandten und Freunde in Peru viele oftmals auch nahe stehenden Menschen sterben sehen. Demütig hörte ich ihre Schilderungen.

Peru war nach Brasilien und Mexiko das am schwersten betroffene Land in Lateinamerika. Allein in der kleinen Straße, in der die Familie meines Mannes lebt, waren drei Todesopfer zu beklagen. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Meine Schwägerin ist Lehrerin an einer Sekundarschule und berichtete, dass viele ihrer Schüler während der Corona-Pandemie zu Waisen wurden. Die schlechte medizinische Versorgung, die größere Bevölkerungsdichte, die Notwendigkeit, aus dem Haus zu gehen und sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen – das sind die Faktoren, die es dem Virus leicht gemacht haben…

Doch Peru hat seine Toten nicht vergessen, immer wieder stoßen wir auf Gedenkschilder, wie zum Beispiel auf dieses in Ventanilla:

„Am Fuße des Kreuzes ehren wir jene Männer und Frauen, die während der Covid-19-Pandemie starben. In unserer Erinnerung werden sie immer lebendig sein.“

Pedro Spadaro, Bürgermeister von Ventanilla

Wie Sand am Meer

Was bei uns absolute Mangelware ist, gibt es in Peru wie Sand am Meer: es handelt sich um Zeit. Sie steht immer in unerschöpflichem Maß zur Verfügung. Mit dem Spruch „Zeit ist Geld“ erntet man in Peru nur verständnislose Blicke.

Wäre geduldiges Warten eine olympische Disziplin, dann hätten die Peruaner zweifellos die meisten Goldmedaillen!

Die Kehrseite der Medaille ist, dass es viele Peruaner mit der Pünktlichkeit nicht so ernst nehmen. Gut ist, wenn man im Arbeitsleben zuverlässig ist. Das schaffen leider nicht alle, aber es wird immer besser, da in der Schule großen Wert auf Pünktlichkeit gelegt wird. Es gab auch zahlreiche Plakataktionen in Lima, bei denen Pünktlichkeit positiv beworben wurde. Privat ist es absolut unüblich zur verabredeten Uhrzeit zu kommen, man sollte 30 – 60 Minuten später kommen. Man kann auch zur verabredeten Uhrzeit anrufen und sagen, dass man sich langsam auf den Weg macht.

Den Vogel schießt mein jüngster Schwager C. (von Beruf Staatsanwalt) ab: Wenn wir einen gemeinsamen Ausflug machen, dann müssen wir ihn zur verabredeten (Losgeh-)Uhrzeit anrufen. Dann liegt er meist noch im Bett. Er sagt dann, dass er sich sofort auf den Weg macht, um dann erst mal in Ruhe zu frühstücken, zu duschen, etc. – das Ende vom Lied ist, dass er ca. zwei Stunden nach Beginn des Treffens zum Rest der Familie dazu stößt. Ich glaube, dass sogar seine Frau und sein Kind manchmal von ihm genervt ist, aber auch sie können ihn nicht ändern.

Ich muss zugeben als besagter Schwager zu unserer kirchlichen Hochzeit erst lange nach Beginn des Gottesdienstes aufgetaucht ist, war ich ehrlich beleidigt und habe das als Respektlosigkeit empfunden. Heute bin ich da gelassener und vielleicht sogar ein bisschen neidisch: Dass man sich so gar nicht von den Anderen stressen lässt! Ich denke, das ist eine gesunde Lebensweise. Für mich wäre das allerdings nicht praktikabel.

Für die Familie gibt es auch immer Zeit. Die Peruaner müssen am Sonntag nicht irgendwelche Gipfel erklimmen oder Ausflugsziele ansteuern, sondern sie besuchen die Familie, essen miteinander, unterhalten sich über dies und das und hören gemeinsam Musik. Mit C. gelingt ein solcher Sonntag besonders gut 😉

Früher habe ich solche Sonntage immer als die reinste Zeitverschwendung empfunden, bin immer unruhig auf meinem Stuhl hin- und her gerutscht und habe mich woanders hin gewünscht. Heute – in meinen 40ern – kann ich mich endlich darauf einlassen und einen entschleunigten Tag genießen.

Luis, der Taxifahrer mit Herz

Eine Person, die wir in diesem Monat gezwungenermaßen besser kennen gelernt haben, ist Luis, „unser“ Taxifahrer. Da meine peruanische Familie in den nördlicheren Ausläufern der Megastadt Lima lebt und man egal wohin man möchte, immer mindestens eine Stunde Fahrtzeit hat, haben wir ziemlich viel Zeit mit Luis verbracht. Wir haben ihn über eine App gefunden. Er hat ein sehr bequemes und sehr gepflegtes Auto und stammt auch noch aus dem selben Viertel, so dass er uns fast zu all unseren Ausflugszielen fuhr.

Luis gehört nicht gerade zu den schweigsamen Taxifahrern. Sobald jemand in seinem Auto sitzt, beginnt er frei heraus von sich und seinem Leben zu berichten. Und er hat wirklich so Einiges zu erzählen – die reinste Telenovela! Er stammt aus Chiclayo und lebt seit 1994 in dem Distrikt „Mi Perú“ im Norden von Lima. Bevor er Taxifahrer wurde, arbeitete er 18 Jahre lang für eine Firma, die Tierfutter von Peru nach Bolivien transportierte. Als sich seine Familie zunehmend darüber beschwerte, dass er nie zuhause war, hatte seine Frau die Idee, dass er doch in Lima als Taxifahrer arbeiten könnte. Familienmensch, der er ist, gab er dem Wunsch nach und kaufte sich ein Auto. Leider verlief der Start als Taxifahrer anders als erwartet. Nach nur 3 Tagen im neuen Job wurde Luis überfallen und sein nagelneuer Wagen geklaut.

Nach einem Monat Pause besorgte er sich wieder einen Wagen und nahm die Arbeit wieder auf. Es folgten 7-Tage-Wochen und lange Arbeitstage, die von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends gingen. Luis lernte schnell, sich durch das Verkehrschaos in Lima zu manövrieren, hatte bald viel Stammkundschaft und trickste hie und da auch mal einen Polizisten aus, der das Bußgeld für eine überfahrene Ampel in die eigene Tasche wirtschaftete. Dennoch war der Alltag sehr aufreibend und die Zeit mit der Familie zuhause immer noch zu knapp.

Da hatte Luis eine zündende Idee, er formuliert es so: Eines Nachts hätte er einen Traum gehabt, in dem ihm ein älterer bärtiger Mann sagte: „Züchte Hühner!“ – Am nächsten Morgen sagte er zu seiner Frau: „Ich werde Hühner züchten.“ – „Was willst du denn mit Hühnern?“, entgegnete sie. „Du kennst dich doch gar nicht damit aus.“ Doch Luis ließ sich nicht beirren und besorgte auf einen Streich 100 Hühner, die er in seinem Wohnhaus im zweiten Stock einquartierte. Die Zucht war nur von kurzer Dauer, da die Hühner krank wurden und innerhalb weniger Tage alle verendeten.
Doch wieder hatte er diesen Traum und dieses Mal wollte er alles richtig machen. Er informierte sich besser, baute einen richtigen Hühnerstall auf dem Dach seines Hauses und ging zum Tierarzt, um Impfungen für die Tiere zu besorgen und sein Geschäft lief langsam an.

Irgendwann waren die Hühner dann doch nicht mehr so sein Ding und er sattelte um auf Legehennen. Der Kofferraum seines Taxis ist häufig voll mit frischen Eiern, die er zu seinen Stammkunden bringt. Und nun ist noch ein neues Steckenpferd dazugekommen: die Meerschweinchenzucht. An der hängt sein ganzes Herz, mit Hingabe versorgt er die kleinen Nagetiere und schwärmt von der hohen Gewinnspanne. Gerne zeigt er auch Bilder vom letzten Wurf.

Dass Luis nicht ausschließlich am Gewinn orientiert ist, wird deutlich, wenn er spätabends auf den letzten Metern anhält, um einem Obdachlosen eine Kekspackung aus dem Fenster zu reichen. Wer demnächst in Lima einen zuverlässigen und vertrauenswürdigen Taxifahrer sucht, dem kann ich gerne den Kontakt vermitteln. Unterhaltsam ist eine Fahrt in Luis‘ Taxi allemal.

El mercado – Auf dem Markt

Ich fühle mich erst richtig in Peru angekommen, nachdem ich das erste Mal über den Markt von „Mi Perú“ gelaufen bin. Dort herrscht ein reges Treiben. Die Händler preisen lautstark ihre Waren an, ein älterer Herr mit Bauchladen will mir einen Bleistiftvorrat fürs ganze Jahr verkaufen („Cómprate tus lapices para el año“). Pyramiden von riesigen roten Erdbeeren, aufgetürmte Karotten und Selleriestangen, lila Mais und Säcke mit über 40 verschiedenen Sorten Kartoffeln – meine Augen können sich niemals sattsehen und viele verschiedene Gerüche strömen auf mich ein. Hier ist der Unverpackt-Laden schon längst Realität. Alles wird lose verkauft. Hülsenfrüchte und Mehl werden abgewogen. Eier werden stückweise angeboten.

In der Halle gibt es frischen Fisch und ganze Hühner, aber auch Kleidung, von der Unterhose bis zum Schuh, Spielzeug, verschiedene Haushaltswaren und Schreibwaren. So einen Ort sucht man in Deutschland vergebens.

Ein besonderes Highlight ist für mich ein Besuch der „Juguería“ – der Saftbar. Hier trinke ich gerne frisch gepressten Orangen- oder Papayasaft. Auch ein „Surtido“ (Multifrucht) schmeckt sehr lecker. Hartgesottene gönnen sich gerne einen „Especial“, Multifrucht mit süßem Sirup und rohem Ei – für europäische Mägen jedoch leider nur bedingt zu empfehlen. 😉