Pam Pam Ida im Gutmann, Nürnberg (9. November 2023)

Nach über zwei Jahren spielte die Band aus Sandersdorf wieder einmal in Nürnberg, dieses Mal im „Gutmann“ am Dutzendteich. Die Durststrecke war lang und wir waren zwischenzeitlich sogar einmal in München auf einem Konzert (Dezember 2022), aber das Warten hat sich gelohnt!

Bei bestem Sound spielten die Jungs ein zweistündiges Konzert mit vollem Einsatz: zu den geschmeidigen Songs von Pam Pam Ida gab es tolle Instrumentensoli (E-Gitarre, Tuba und Saxofon) und natürlich wieder ganz viel fürs Herz. Kein Wunder, dass der Saal schon nach kurzer Zeit bebte und schnell war klar, dass auch die Franken die oberbayerischen Liedtexte mitsingen können.

Als krönenden Abschluss sangen Pam Pam Ida das Abschiedslied „I muaß geh“ a capella und mitten im Publikum – ein echter Gänsehaut-Moment (an dieser Stelle noch mal ein herzliches Dankeschön an den Zwei-Meter-Mann vor mir, der mit mir Platz tauschte 😉 und mir beste Sicht ermöglichte).

Mit einer neuen CD („Die Beste“) im Gepäck und beseelt von dem schönen Konzert, traten wir den (kurzen) Heimweg an.

Bitte, bitte haltet Euer Versprechen, liebe Pam Pam Idas und kommt bald wieder! Nürnberg braucht und liebt Euch!

Mama, wann fahren wir ins Wichtelgebäude?

Das hat mich meine Tochter M. heute gefragt, gemeint hat sie natürlich das „Fichtelgebirge“ 😉 Wir mussten alle so schmunzeln über diesen wunderbaren Versprecher und eigentlich ist „Wichtelgebäude“ ja auch das viel schönere Wort. Ich möchte diesen Versprecher zum Anlass nehmen, wieder eine Rubrik mit den schönsten Sprüchen meiner Kinder aufzumachen. Es ist lange her, dass ich hier welche veröffentlicht habe, aber es ist nicht so, dass es sie nicht geben würde.

Zurück zum Wichtelgebäude. Nachdem wir geklärt hatten, was das Fichtelgebirge ist, fragte ich M. wie sie sich das Wichtelgebäude vorstellt: „Ein Pilzhaus mit vielen Wichteln darin.“ Mal sehen, ob wir so eines im Fichtelgebirge finden…

Nora Imlau: Meine Grenze ist dein Halt – Kindern liebevoll Stopp sagen

Von Nora Imlau, einer Vertreterin der bedürfnisorientieren Erziehung, hatte ich schon viel gehört, aber noch nichts gelesen, deshalb griff ich sofort zu, als ich dieses Buch bei den Neuerscheinungen in der Bücherei entdeckte.

Imlau, die einen journalistischen Hintergrund hat und eine Erziehungskolumne in der Zeitschrift Eltern schreibt, greift vor allem auf ihren Erfahrungsschatz als mittlerweile vierfache Mutter zurück. In ihrem Buch zitiert sie aber auch bekannte Familienexperten wie den mittlerweile verstorbenen Jesper Juul oder den Kinderarzt Dr. Renz-Polster. Sie schildert typische Alltagssituationen und gibt viele Tipps und praktische Hilfen. So kann man zum Beispiel den Nachwuchs, der lieber noch auf dem Spielplatz bleiben möchte mit „kontrolliertem Nachgeben“ dazu bringen, doch mit nach Hause zu gehen („Noch drei Mal rutschen, dann gehen wir aber.“). Diese Methode praktizieren viele Eltern bereits, bei meiner jüngeren Tochter war und ist sie mir eine große Hilfe.

Ein größeres Geschwisterkind, das nicht gerne teilt, kann man überzeugen, es doch zu tun, indem man Verständnis für seine schwierige Situation aufbringt. Ob es tatsächlich klappt, hängt natürlich immer vom Einzelfall ab. Aber bestimmt ist es einen Versuch wert.

Ich gehöre sicher nicht zu den Eltern, die kein Nein über die Lippen bringen, aber Imlau hat mich davon überzeugt, dass es sich lohnt, auch schon mit kleinen Kindern ein Gespräch zu beginnen und den Sinn bestimmter Regeln zu erklären. Klar gibt es viele Situationen, in denen man als Eltern mal eine Ansage machen muss, das ist nun mal unser Job. Und bei sehr kleinen Kindern muss man manchmal Regeln mit dem Einsatz von körperlicher Gewalt durchsetzen, z.B. wenn das Kind auf die Straße laufen will oder wenn es sich partout nicht im Kindersitz anschnallen lassen will. Imlau bezeichnet das dann als „zugewandtes Durchsetzen“, frei nach dem Motto „Ich weiß, dass du das jetzt nicht magst, aber ich bin deine Mama und ich muss das jetzt machen, um dich zu schützen.“

Spannend fand ich es zu erfahren, dass es in der bedürfnisorientierten Erziehung nicht nur um die Bedürfnisse der Kinder geht. Auch Eltern haben Bedürfnisse und sollten dringend darauf achten, dass diese gestillt werden, damit sie den Familienalltag gut bewältigen können. Wenn wir leicht aus der Haut fahren und nicht so gut auf die Kinder eingehen können, dann liegt das häufig daran, dass wir überarbeitet sind, zu wenig / zu schlecht geschlafen haben, etc.

Imlau rät an dieser Stelle dazu, noch mal die Aufgabenverteilung der Eltern genau anzuschauen (Stichwort: Mental Load) und gibt Beispiele aus ihrem Bekanntenkreis. In einer Familie kümmert sich der Vater um die Organisation sämtlicher Kindergeburtstage und um Kinderarzttermine. Das finde ich bemerkenswert! In einer anderen Familie haben sich die Eltern die Kinder sozusagen aufgeteilt und fungieren jeweils als einziger Ansprechpartner. Der Vater übernimmt die Organisation des Schulkinds und die Mutter nimmt alle Termine des Kindergartenkinds wahr. Diese Variante stelle ich mir kommunikationstechnisch äußerst unpraktisch vor, außerdem möchte ich doch als Mutter über jedes meiner Kinder Bescheid wissen.

Fazit: Sehr viele interessante Denkanstöße. Eine hilfreiche Lektüre für alle Eltern und ein Buch, das ich gern schon früher gelesen hätte 😉

Die Pandemie aus einer anderen Perspektive

Egal wen wir aus unserem Bekanntenkreis in Peru besuchten, irgendwann kam das Thema Corona immer zur Sprache. Die Pandemie war zweifellos ein gravierender Einschnitt auf der ganzen Welt gewesen, etwas noch nie da gewesenes, das das Leben von jedem einzeln verändert und eingeschränkt hatte.

Wir sprachen darüber, wie wir den Lockdown erlebt hatten und wer alles an Corona erkrankt war. Schnell wurde klar, dass das Leid in Peru um ein Vielfaches größer war. Während ich gerade mal eine Person persönlich kannte, die mit Corona ins Krankenhaus eingeliefert wurde und beatmet werden musste, haben unsere Verwandten und Freunde in Peru viele oftmals auch nahe stehenden Menschen sterben sehen. Demütig hörte ich ihre Schilderungen.

Peru war nach Brasilien und Mexiko das am schwersten betroffene Land in Lateinamerika. Allein in der kleinen Straße, in der die Familie meines Mannes lebt, waren drei Todesopfer zu beklagen. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Meine Schwägerin ist Lehrerin an einer Sekundarschule und berichtete, dass viele ihrer Schüler während der Corona-Pandemie zu Waisen wurden. Die schlechte medizinische Versorgung, die größere Bevölkerungsdichte, die Notwendigkeit, aus dem Haus zu gehen und sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen – das sind die Faktoren, die es dem Virus leicht gemacht haben…

Doch Peru hat seine Toten nicht vergessen, immer wieder stoßen wir auf Gedenkschilder, wie zum Beispiel auf dieses in Ventanilla:

„Am Fuße des Kreuzes ehren wir jene Männer und Frauen, die während der Covid-19-Pandemie starben. In unserer Erinnerung werden sie immer lebendig sein.“

Pedro Spadaro, Bürgermeister von Ventanilla

Paul Maar: Wie alles kam

Der Erfinder des Sams hat im Alter von 83 Jahren seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Meine Kinder lieben die Geschichten vom frechen Sams, das Hörspiel „Am Samstag kam das Sams zurück“ kennt die gesamte Familie nahezu auswendig – da es uns auf vielen Autofahrten bestens unterhalten hat. Wenn sich die Kinder nicht einigen können – dieses Hörspiel geht immer!

Die Autobiografie von Paul Maar ist ein beeindruckendes Zeitzeugnis. Schnörkellos beschreibt er die verschiedenen Stationen seines Lebens: den frühen Tod der Mutter, eine Kindheit in Zeiten des Krieges, das schwierige Verhältnis zum Vater, die schicksalhafte Begegnung mit seiner Frau Nele, seine Autorwerdung und die Jahre des Schaffens und er lässt seine Leser sogar an seinem Alltag mit seiner mittlerweile an Alzheimer erkrankten Frau teilhaben.

Schnell wird klar, dass er es nicht leicht hatte im Leben, sein reiches Innenleben hat ihm stets bei der Bewältigung des Alltags geholfen. Während des Krieges hatte er eine relativ unbeschwerte Kindheit auf dem Land bei den Stiefgroßeltern. Aber mit der Rückkehr seines Vaters aus dem Krieg zwei Jahre nach Kriegsende änderte sich alles. Der Vater war gezeichnet vom Krieg und verbittert, da er sein Malergeschäft wieder neu aufbauen musste und sein Haus in Schweinfurt noch besetzt war. Seinen Jähzorn ließ er an seinen beiden Söhnen aus, die er häufig im Waschkeller mit einem Stück Gartenschlauch verprügelte.

Die ersten Jahre wieder zurück in Schweinfurt waren für den mittlerweile 10jährigen Paul sehr hart. In der Klasse fand der schüchterne Junge keine Freunde, er wurde oft auf dem Schulweg schikaniert und man merkt, wie viel von Paul Maar in der Figur von Martin Taschenbier steckt. Es war Paul Maar, der beim Völkerball immer als Letzter vom Teamkapitän in die Mannschaft gewählt wurde und er war es, der von den stärkeren Mitschülern gequält wurde. Auch den fiesen Sportlehrer (im Buch Herr Daume) gab es wirklich.

Die Vorlage für Herrn Oberstein, dem Chef von Herrn Taschenbier, ist übrigens kein geringerer als der Vater von Paul Maar, der auch im Besitz einer Rechenmaschine war und der seinen Buchhalter Herrn Wenner überaus schlecht behandelte. Der friedfertige und überaus sanftmütige Herr Wenner wiederum dient als Vorlage für Bruno Taschenbier.

Als Paul schließlich in der Oberrealschule sitzen blieb, erwies sich das als Glücksfall. Er kam in eine künstlerisch und sprachlich begabte Klasse, fand sofort gute Freunde und konnte endlich sein künstlerisches Talent ausleben. In diese Klasse kam dann auch seine spätere Frau Nele. Als einziges Mädchen legte sie an der Schule ihr Abitur ab. Die selbstbewusste junge Frau verliebte sich in den schüchternen Paul und die beiden sollten ihr ganzes Leben miteinander teilen.

Die Begegnung mit Nele war ein wichtiger Wendepunkt. Neles (mittlerweile geschiedenen und mit neuen Partnern in einer Art Kommune zusammen lebenden) Eltern betrieben das Fränkische Theater in Stöckach. Dort hatte Paul Maar die Gelegenheit erste Bühnenbilder zu gestalten, was dem Malersohn ganz neue Möglichkeiten eröffnete. Nun entstand der Wunsch, auch beruflich etwas Kreatives zu machen. Nach einigen Jahren als Kunstlehrer wagte er den Schritt und wurde freier Autor. Heute ist Paul Maar ein gefeierter und preisgekrönter Kinderbuchautor.

Ein spannender Werdegang, wie ich finde und eine absolute Leseempfehlung für alle, die mehr über den Erfinder des Sams wissen wollen.

Tante-Emma-Laden

Meine Schwiegermutter führt einen Tante-Emma-Laden, den alle ihre Enkelkinder lieben. In diesen Sommerferien durften sich auch endlich meine Kinder als Verkäuferinnen erproben.

Zum Warensortiment gehören Lebensmittel, Drogeriebedarf und Zigaretten. Hier kann man einen Teebeutel für umgerechnet 3 Cent kaufen, ein Ei gibt es für 20 Cent. Auch Shampoo, Binden und Windeln gibt es einzeln zu kaufen. Besonders beliebt sind Bonbons, Zigaretten und Getränke.

Choti wohnt zwei Häuser weiter und kommt mehrmals am Tag. Seine Standardbestellung ist: drei Bonbons der Marke „Halls“ und eine Zigarette, dafür bezahlt er einen peruanischen Sol (das sind ca. 25 Cent).

Der Laden ist von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends geöffnet, am Wochenende gern mal länger. Bier und Zigaretten finden dann reißenden Absatz.

Der Tante-Emma-Laden ist immer durch ein Gitter gesichert. Wer etwas kaufen möchte, klimpert einfach mit einer Münze gegen das Gitter. Manchmal kann es etwas dauern, bis ein Verkäufer kommt. Aber zum Glück sind die meisten Peruaner sehr geduldig 😉

Mit ihrem Laden hat meine Schwiegermutter die Familie ernährt und die Ausbildung ihrer fünf Kinder finanziert, auch in der Corona-Pandemie hat er ihr gute Dienste erwiesen und war eine wichtige Anlaufstelle für die Nachbarn.

Wie Sand am Meer

Was bei uns absolute Mangelware ist, gibt es in Peru wie Sand am Meer: es handelt sich um Zeit. Sie steht immer in unerschöpflichem Maß zur Verfügung. Mit dem Spruch „Zeit ist Geld“ erntet man in Peru nur verständnislose Blicke.

Wäre geduldiges Warten eine olympische Disziplin, dann hätten die Peruaner zweifellos die meisten Goldmedaillen!

Die Kehrseite der Medaille ist, dass es viele Peruaner mit der Pünktlichkeit nicht so ernst nehmen. Gut ist, wenn man im Arbeitsleben zuverlässig ist. Das schaffen leider nicht alle, aber es wird immer besser, da in der Schule großen Wert auf Pünktlichkeit gelegt wird. Es gab auch zahlreiche Plakataktionen in Lima, bei denen Pünktlichkeit positiv beworben wurde. Privat ist es absolut unüblich zur verabredeten Uhrzeit zu kommen, man sollte 30 – 60 Minuten später kommen. Man kann auch zur verabredeten Uhrzeit anrufen und sagen, dass man sich langsam auf den Weg macht.

Den Vogel schießt mein jüngster Schwager C. (von Beruf Staatsanwalt) ab: Wenn wir einen gemeinsamen Ausflug machen, dann müssen wir ihn zur verabredeten (Losgeh-)Uhrzeit anrufen. Dann liegt er meist noch im Bett. Er sagt dann, dass er sich sofort auf den Weg macht, um dann erst mal in Ruhe zu frühstücken, zu duschen, etc. – das Ende vom Lied ist, dass er ca. zwei Stunden nach Beginn des Treffens zum Rest der Familie dazu stößt. Ich glaube, dass sogar seine Frau und sein Kind manchmal von ihm genervt ist, aber auch sie können ihn nicht ändern.

Ich muss zugeben als besagter Schwager zu unserer kirchlichen Hochzeit erst lange nach Beginn des Gottesdienstes aufgetaucht ist, war ich ehrlich beleidigt und habe das als Respektlosigkeit empfunden. Heute bin ich da gelassener und vielleicht sogar ein bisschen neidisch: Dass man sich so gar nicht von den Anderen stressen lässt! Ich denke, das ist eine gesunde Lebensweise. Für mich wäre das allerdings nicht praktikabel.

Für die Familie gibt es auch immer Zeit. Die Peruaner müssen am Sonntag nicht irgendwelche Gipfel erklimmen oder Ausflugsziele ansteuern, sondern sie besuchen die Familie, essen miteinander, unterhalten sich über dies und das und hören gemeinsam Musik. Mit C. gelingt ein solcher Sonntag besonders gut 😉

Früher habe ich solche Sonntage immer als die reinste Zeitverschwendung empfunden, bin immer unruhig auf meinem Stuhl hin- und her gerutscht und habe mich woanders hin gewünscht. Heute – in meinen 40ern – kann ich mich endlich darauf einlassen und einen entschleunigten Tag genießen.

Luis, der Taxifahrer mit Herz

Eine Person, die wir in diesem Monat gezwungenermaßen besser kennen gelernt haben, ist Luis, „unser“ Taxifahrer. Da meine peruanische Familie in den nördlicheren Ausläufern der Megastadt Lima lebt und man egal wohin man möchte, immer mindestens eine Stunde Fahrtzeit hat, haben wir ziemlich viel Zeit mit Luis verbracht. Wir haben ihn über eine App gefunden. Er hat ein sehr bequemes und sehr gepflegtes Auto und stammt auch noch aus dem selben Viertel, so dass er uns fast zu all unseren Ausflugszielen fuhr.

Luis gehört nicht gerade zu den schweigsamen Taxifahrern. Sobald jemand in seinem Auto sitzt, beginnt er frei heraus von sich und seinem Leben zu berichten. Und er hat wirklich so Einiges zu erzählen – die reinste Telenovela! Er stammt aus Chiclayo und lebt seit 1994 in dem Distrikt „Mi Perú“ im Norden von Lima. Bevor er Taxifahrer wurde, arbeitete er 18 Jahre lang für eine Firma, die Tierfutter von Peru nach Bolivien transportierte. Als sich seine Familie zunehmend darüber beschwerte, dass er nie zuhause war, hatte seine Frau die Idee, dass er doch in Lima als Taxifahrer arbeiten könnte. Familienmensch, der er ist, gab er dem Wunsch nach und kaufte sich ein Auto. Leider verlief der Start als Taxifahrer anders als erwartet. Nach nur 3 Tagen im neuen Job wurde Luis überfallen und sein nagelneuer Wagen geklaut.

Nach einem Monat Pause besorgte er sich wieder einen Wagen und nahm die Arbeit wieder auf. Es folgten 7-Tage-Wochen und lange Arbeitstage, die von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends gingen. Luis lernte schnell, sich durch das Verkehrschaos in Lima zu manövrieren, hatte bald viel Stammkundschaft und trickste hie und da auch mal einen Polizisten aus, der das Bußgeld für eine überfahrene Ampel in die eigene Tasche wirtschaftete. Dennoch war der Alltag sehr aufreibend und die Zeit mit der Familie zuhause immer noch zu knapp.

Da hatte Luis eine zündende Idee, er formuliert es so: Eines Nachts hätte er einen Traum gehabt, in dem ihm ein älterer bärtiger Mann sagte: „Züchte Hühner!“ – Am nächsten Morgen sagte er zu seiner Frau: „Ich werde Hühner züchten.“ – „Was willst du denn mit Hühnern?“, entgegnete sie. „Du kennst dich doch gar nicht damit aus.“ Doch Luis ließ sich nicht beirren und besorgte auf einen Streich 100 Hühner, die er in seinem Wohnhaus im zweiten Stock einquartierte. Die Zucht war nur von kurzer Dauer, da die Hühner krank wurden und innerhalb weniger Tage alle verendeten.
Doch wieder hatte er diesen Traum und dieses Mal wollte er alles richtig machen. Er informierte sich besser, baute einen richtigen Hühnerstall auf dem Dach seines Hauses und ging zum Tierarzt, um Impfungen für die Tiere zu besorgen und sein Geschäft lief langsam an.

Irgendwann waren die Hühner dann doch nicht mehr so sein Ding und er sattelte um auf Legehennen. Der Kofferraum seines Taxis ist häufig voll mit frischen Eiern, die er zu seinen Stammkunden bringt. Und nun ist noch ein neues Steckenpferd dazugekommen: die Meerschweinchenzucht. An der hängt sein ganzes Herz, mit Hingabe versorgt er die kleinen Nagetiere und schwärmt von der hohen Gewinnspanne. Gerne zeigt er auch Bilder vom letzten Wurf.

Dass Luis nicht ausschließlich am Gewinn orientiert ist, wird deutlich, wenn er spätabends auf den letzten Metern anhält, um einem Obdachlosen eine Kekspackung aus dem Fenster zu reichen. Wer demnächst in Lima einen zuverlässigen und vertrauenswürdigen Taxifahrer sucht, dem kann ich gerne den Kontakt vermitteln. Unterhaltsam ist eine Fahrt in Luis‘ Taxi allemal.

El mercado – Auf dem Markt

Ich fühle mich erst richtig in Peru angekommen, nachdem ich das erste Mal über den Markt von „Mi Perú“ gelaufen bin. Dort herrscht ein reges Treiben. Die Händler preisen lautstark ihre Waren an, ein älterer Herr mit Bauchladen will mir einen Bleistiftvorrat fürs ganze Jahr verkaufen („Cómprate tus lapices para el año“). Pyramiden von riesigen roten Erdbeeren, aufgetürmte Karotten und Selleriestangen, lila Mais und Säcke mit über 40 verschiedenen Sorten Kartoffeln – meine Augen können sich niemals sattsehen und viele verschiedene Gerüche strömen auf mich ein. Hier ist der Unverpackt-Laden schon längst Realität. Alles wird lose verkauft. Hülsenfrüchte und Mehl werden abgewogen. Eier werden stückweise angeboten.

In der Halle gibt es frischen Fisch und ganze Hühner, aber auch Kleidung, von der Unterhose bis zum Schuh, Spielzeug, verschiedene Haushaltswaren und Schreibwaren. So einen Ort sucht man in Deutschland vergebens.

Ein besonderes Highlight ist für mich ein Besuch der „Juguería“ – der Saftbar. Hier trinke ich gerne frisch gepressten Orangen- oder Papayasaft. Auch ein „Surtido“ (Multifrucht) schmeckt sehr lecker. Hartgesottene gönnen sich gerne einen „Especial“, Multifrucht mit süßem Sirup und rohem Ei – für europäische Mägen jedoch leider nur bedingt zu empfehlen. 😉

Jo Wilde: Nur wir beide

Kann man nach 35 Ehejahren noch miteinander glücklich sein geschweige denn sich noch mal genauso verliebt fühlen wie am Anfang?

Diese Fragen versucht dieses Buch von Jo Wilde zu beantworten. Die Geschichte geht so: Julie und Michael Marshall haben sich nach 35 gemeinsamen Jahren nicht mehr viel zu sagen. Sie schlafen längst in getrennten Schlafzimmern und leben nur noch nebeneinander her. Die Handlung setzt ein, als Julie gerade die Scheidungspapiere bei ihrem Anwalt abgeholt hat. Just an diesem Abend verkündet der Premierminister den Lockdown und die Scheidungspapiere landen erstmal in der Nachttischschublade…

In den nächsten Wochen hat das Ehepaar Marshall ausgiebig Zeit, sich miteinander zu beschäftigen. Mit diesem Buch kann man die Zeit des Lockdown noch einmal Revue passieren lassen: die Stunden im Homeoffice, Sportkurse per Zoom-Konferenz, Facetime-Anrufe, um mit der Familie in Kontakt zu bleiben, der Applaus für Pflegekräfte, Spaziergänge zur Pflege sozialer Kontakte, das Wiederentdecken des Brotbackens und sogar der Kampf ums Toilettenpapier. Nichts wird ausgespart.

Die erzwungene Zweisamkeit geht nicht spurlos an Julie und Michael vorüber. Sie kommen wieder miteinander ins Gespräch und finden schließlich den Grund, warum sie sich immer weiter auseinander entwickelt haben. Sie besinnen sich auch der Vorzüge des Ehepartners. Nach mehreren romantischen Gesten und einem handfesten Krach gelingt es schließlich, die Ehe zu retten.

Auch wenn die Geschichte bisweilen etwas konstruiert wirkt und künstlich in die Länge gezogen wird (die Aussprache der Eheleute verzögert sich immer wieder), möchte man das Buch in einem Rutsch durchlesen. Eine unterhaltsame Ferienlektüre, die einen noch einmal in die Zeit des Lockdown zurückversetzt!